EPISODE 43 -

Wie wenig warm ist noch gesund?

Für öffentliche Bürogebäude steht es laut der Energiesparverordnung schon fest, für Büros könnte es noch so weit kommen: 19 Grad in Büros! Ist das für die Gesundheit kritisch? Lösungsansätze für den Winter gibt BAD-Arbeitsmedizinerin Dr. Christina Nußbeck.

Moderation:

Christian Gies (BAD-Unternehmenskommunikation)

Raumtemperatur

Wie wenig warm ist noch gesund?

Für öffentliche Bürogebäude steht es laut der Energiesparverordnung schon fest, für Büros könnte es noch so weit kommen: 19 Grad in Büros! Ist das für die Gesundheit kritisch? Lösungsansätze für den Winter gibt BAD-Arbeitsmedizinerin Dr. Christina Nußbeck.

  Die Temperatur-Richtlinien sind nicht für alle Tätigkeiten gleich...

 Dr. Christina Nußbeck: Ja! Denn Job ist nicht gleich Job. Maßgeblich sind im geltenden Arbeitsschutzrecht „flexible Richtwerte für die untere Temperaturgrenze.“ Diese sind in der Technischen Regel für Arbeitsstätten festgelegt, veröffentlicht von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

Demnach sollen die Mindestwerte der Lufttemperatur je nach Schwere der Tätigkeit zwischen 12 und 20 Grad Celsius betragen. 12 Grad sind bei harten physischen Arbeiten vorgesehen, also etwa bei schwerem Heben und Tragen; bei körperlich weniger anstrengender Tätigkeit sind 17 bis 20 Grad geltend. In Pausen-, Bereitschafts-, Sanitär-, Kantinen- und Erste Hilfe-Räumen müssen für die Nutzung wenigstens 21 Grad herrschen.


  Sind 19 Grad bei leichter körperlicher Arbeit, also vornehmlich bei Bürotätigkeiten – und damit ja nur ein Grad weniger als vorher – bereits kritisch aus Sicht des Arbeitsschutzes?

 Dr. Christina Nußbeck: Wir sprechen in Zusammenhang mit der richtigen Temperatur am Arbeitsplatz von der „Wohlfühltemperatur“. Der Begriff deutet bereits an, dass es eine Angelegenheit individuellen Empfindens ist. Verschiedene Personen können demnach die gleiche Temperatur als unangenehm oder auch passend empfinden. Wichtig ist auch das Geschlecht: Frauen frieren aufgrund der geringeren Muskelmasse und des anders arbeitenden Stoffwechsels leichter als Männer.

19 Grad sind bei einer sitzenden Tätigkeit aber eigentlich zu kalt. Über einen längeren Zeitraum kann das Immunsystem geschwächt werden, wir sind dann anfälliger für Erkältungskrankheiten. Hinzu kommt noch, dass wir uns nach wie vor in der Corona-Pandemie befinden und daher regelmäßig lüften müssen.


  Wie sollen denn in einem kalten Büro chronisch kranke, schwangere und stillende sowie ältere Beschäftigte gut durch Herbst und Winter kommen?

 Dr. Christina Nußbeck: Sorgen bereitet mir vor allem die kommende Grippewelle. In unserem deutschen Spätsommer sah man bereits im winterlichen Australien, dass dort die Zahl der Grippeerkrankten so hoch wie schon lange nicht mehr war. Und dort erwischt es diesmal nicht nur alte Menschen, sondern auch viele Kinder und junge Erwachsene. Arbeitnehmende sind lange arbeitsunfähig. In jedem Fall ist es sinnvoll, die Grippeimpfung in Anspruch zu nehmen.


  Welchen Einfluss hat Bewegung, Schlaf und Ernährung auf die eigene Wohlfühltemperatur?

 Dr. Christina Nußbeck: Der Stoffwechsel spielt eine entscheidende Rolle. Nimmt man beispielsweise statt des Aufzugs die Treppe und beansprucht so die Muskulatur, wird einem direkt wärmer. Das Wärmegefühl bleibt aber nur für einen kurzen Moment. Wir sollten uns noch mehr bewegen. Eine Basisernährung ist ebenfalls wichtig. Ohne warmes oder kaum warmes Essen, friert man schnell. Gleiches gilt für kalte Getränke.

Gesunder Schlaf ist ebenso essenziell in diesem Zusammenhang. Schlafen sollten wir in kühlen Räumen; das darf allerdings auch ein Raum sein, der tagsüber geheizt wurde. Aber ich appelliere an alle, die Heizung nachts abzuschalten. Wir haben keinen ruhigen Schlaf, wenn die Luft trocken und warm ist. Die Wärme sollte über die Decke, nicht über die Raumluft kommen.


  Ein weiterer Lösungsansatz ist unsere Kleidung. Sitzen wir künftig im dicken Wollmantel im Büro?

 Dr. Christina Nußbeck: Ja, unbedingt! Zu empfehlen ist etwa ein „Lagen-Look“ und wärmere Schuhe. Die subjektiv empfundene Wärme kommt ganz entscheidend von den Füßen und vom Kopf. Eine Mütze im Büro wird vermutlich nicht möglich sein, aber: Bekleidung mit einem langen Arm empfiehlt sich und auch der Rücken sollte warm sein. Bei höhenverstellbaren Tischen sollten Beschäftigte zwischen Stehen und Sitzen wechseln, um die Monotonie zu unterbrechen und den Stoffwechsel anzukurbeln.