Herzgesundheit: Immer im Takt bleiben

Todesursache Nummer eins: Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sybille Schomburg, BAD-Fachärztin für Arbeitsmedizin, erklärt, wie Betriebe präventiv unterstützen können.

Wie beeinflusst psychischer Stress die Herzgesundheit?
Sybille Schomburg:
Stress ist heute scheinbar allgegenwärtig und begleitet uns beständig im Berufs- und Privatleben. Dabei wird Stress oft als normal und dazugehörend ignoriert und verharmlost. Gerade in der Pandemie ist dies für viele deutlich spürbarer geworden. Die meisten Menschen stehen unter großem Druck. Dabei spielt auch die subjektive Stressbewertung eine wichtige Rolle.

Einige Menschen weisen hierbei eine hohe Widerstandskraft auf, während andere sehr empfindlich auf Stress reagieren. Hierbei spielt die genetische Veranlagung eine Rolle, oft sind aber auch die bisherigen Lebenserfahrungen entscheidend. Belastende oder traumatische Erlebnisse, vor allem in der Kind- und Jugendzeit, können wohl eine erhöhte Stressanfälligkeit begünstigen.

Dennoch gehört Stress für einige sogar zum guten Ton in unserer auf Leistung fokussierten Gesellschaft – verbunden mit einer Fehlannahme: Je gestresster, desto höher oder besser die Leistung. Die kurzfristigen, aber vor allem auch die langfristigen Auswirkungen von Stress oder Dauerstress werden dabei oft negiert oder übersehen.


Stress ist einer der größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Wieso das?
Schomburg:
Stress ist als natürliche, hilfreiche Anpassungsreaktion auf belastende oder gefährliche Situationen entstanden. So hilft Stress dem Körper ursprünglich, Akutsituationen besser zu meistern und somit das Überleben zu sichern. Durch die Stressreaktion wird über Hormonausschüttung unser Energielevel bzw. die unserem Körper zur Verfügung stehende Energie angehoben, das Nervensystem und das Immunsystem aktiviert und somit auch die Aufmerksamkeit, der Blutdruck, die Herzfrequenz und sogar die körpereigene Abwehr als auch Blutgerinnung erhöht. Es geht um Kämpfen oder Fliehen.

Bleibt jedoch eine Entspannungsphase nach dem Stressmoment aus, entsteht Dauerstress. Der Körper befindet sich in einem Daueralarmzustand, welcher dem Körper nicht mehr hilft. Stress beginnt jetzt zu schaden.

Mit welchen Folgen?
Schomburg:
Stress kann bei Dauerbelastung und auch einer gewissen Prädisposition zu unerwünschten gesundheitlichen Ereignissen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen: von einem Herzinfarkt, Schlaganfall, einer Herzschwäche oder auch Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzversagen. Auch Bluthochdruck und eine anhaltend veränderte Blutgerinnung mit Verengungen in Blutgefäßen oder eine gestörte Hormonausschüttung mit Blutzuckerschwankungen, Heißhunger und Frustessen bis hin zu Diabetes oder einem geschwächtem Immunsystem können sich sehr negativ auswirken.
Hinzu kommt, dass Menschen bei Dauerstress oft weitere gesundheitsabträgliche Verhaltensweisen entwickeln, sie rauchen beispielsweise, nehmen Medikamente oder konsumieren zu viel Alkohol.


Was bedeutet das Coronavirus für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Schomburg:
Grundsätzlich sind Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker durch das Coronavirus gefährdet als Menschen ohne solche Vorerkrankungen. Den Daten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. zufolge haben Patient*innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die wegen COVID-19 im Krankenhaus behandelt werden müssen, ein mit rund 13 Prozent ein fast doppelt so hohes Risiko an COVID-19 zu versterben wie im Krankenhaus behandelte COVID-19-Patienten ohne Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (Sterblichkeit von fast 8 Prozent.)

Laut der Deutschen Herzstiftung sind besondere Risikogruppen etwa Patient*innen mit einer Erkrankung der Atemwege, oder die als Folge einer Herzerkrankung eine Funktionseinschränkung der Atemwege haben oder eine Herzerkrankung aufweisen.  Zu den besonderen Risikogruppen zählen auch Patient*innen, die immunsupprimierende Medikamente einnehmen.  Eine Infektion stellt hier grundsätzlich immer eine Zusatzbelastung dar, die bereits geschwächte oder vorbelastete Organe wie das Herz oder Blutgefäße zusätzlich schwächen und angreifen und somit schwerere Verläufe verursachen kann.

Durch eine COVID-19-Erkrankung kann das Herz-Kreislauf-System direkt als auch indirekt beeinträchtigt werden. Durch die Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus können akute Schäden am Herz, aber auch Herzmuskelentzündungen, Herzrhythmusstörungen sowie Thrombosen auftreten. Es gibt inzwischen aber auch immer mehr Daten, die für eine potenzielle weitere Beeinträchtigung im Rahmen von Long COVID sprechen.

Unbehandelter Bluthochdruck ist laut US-amerikanischen Wissenschaftlern ein weiterer Risikofaktor für eine schwer verlaufende SARS-CoV-2-Infektion. Blutdrucksenker scheinen in diesem Zusammenhang das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe zu verringern. Dies zeigt, wie wichtig eine konsequente Einnahme von verschriebenen Blutdruckmedikamenten auch in Bezug auf eine potenzielle Corona-Infektion ist.

Auch Menschen mit einer künstlichen Herzklappe, einem Stent, einem Herzschrittmacher oder einem implantierbaren Defibrillator können sich gegen COVID-19 impfen lassen. Innerhalb der ersten acht Tage nach einem Herzinfarkt sollte laut der Deutschen Herzstiftung jedoch keine Impfung erfolgen.  

Was kann jeder selbst tun für seine Herzgesundheit?
Schomburg:
Die Verantwortung  für unsere Gesundheit kann uns keine Ärztin, kein Arzt, Politiker*in oder Partner*in abnehmen. Deshalb sollte damit niemals leichtfertig umgegangen werden, denn alles Geld der Welt und auch die besten Mediziner*innen können verlorene Gesundheit nicht immer voll umfänglich zurückbringen.

Daher sind Achtsamkeit mit sich selbst und Selbstreflektion zum Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Psyche (Stress), gerade auch in Zeiten der mobilen Arbeit mit Homeschooling und multiplen Belastungen, sehr wichtig. Sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu sein und diese ernst zu nehmen, ist ein wichtiger Anfang. Ausreichend Pausen und ausreichend Bewegung gepaart mit gesunder Ernährung sind ebenfalls eine gute Grundlage.

Zusätzlich sollten mögliche Stressreduktoren und Erholungsförderer, wie etwa soziale Kontakte und Zeit mit der Familie und Freunden, Musik, Sport, Yoga, Meditation, Zeit in der Natur oder ganz individuelle Ansätze für das eigene Wohlsein erkundet und definiert werden. Betriebsärztinnen – und ärzte oder auch Hausärztinnen und -ärzte können hierbei vielfältig durch Beratung oder gezielte Untersuchungen aktiv unterstützen.

Welche präventiven Maßnahmen können Unternehmen ergreifen?
Schomburg:
Auch die Unternehmen und Arbeitgeber können einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen, aber auch der Herz-Kreislauf-Gesundheit ihrer Mitarbeitenden leisten. Dies hat sich erst kürzlich im Rahmen der betrieblichen Angebote zu Coronaimpfungen sehr eindrücklich gezeigt.

Hier geht es auf der einen Seite um Themen wie Verhältnisprävention. Unternehmen sollten sich demnach überlegen, wie sie  die äußeren Umstände, unter denen gearbeitet wird, so verbessern bzw. gestalten, dass von ihnen eine möglichst geringe Gesundheitsgefahr ausgeht. Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Verhaltensprävention. Mitarbeitende können derart unterstützt werden, dass sie für sich selbst die gesündeste Form von Verhalten im Arbeitsalltag und auch darüber hinaus wählen.

Hierzu gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, aus denen BAD-Kunden auswählen können und welche in den Unternehmen beworben und teils auch vor Ort durchgeführt werden können. Im Rahmen von Gesundheitstagen vor Ort oder auch digital bzw. auch als Einzelleistung im Gesundheitszentrum oder der arbeitsmedizinischen Sprechstunde können Arbeitgeber ihren Beschäftigten beispielsweise Vorträge, Workshops, medizinische Checkups unterschiedlichen Umfangs, reisemedizinische Beratungen und Untersuchungen samt Impfungen, ABI Messungen (ankle brachial index) als Indikator für Herz-Kreislauferkrankungen, Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße (Carotiden) als Indikator einer Gefäßverkalkung, Herzratenvariabilitätsmessung als Indikator für das eigene Stresslevel, Ruhe-EKG, Belastungs-EKG, gesund2Go und viele weitere Unterstützungsleisten  anbieten.

Auch saisonale Impfungen wie die jährliche Grippeimpfung, welche oft auch über die Betriebe angeboten werden, spielen hierbei eine wichtige Rolle. Neueste Studienergebnisse weisen darauf hin, dass Corona-Nichtgeimpfte von einer möglichen, wenn auch niedrigeren Kreuzimmunität durch eine Grippeimpfung in Bezug auf eine Corona-Erkrankung profitieren könnten.
Zudem scheint die neu erschienene IAMI Studie, welche von Prof. Ole Fröbert von der Universitätsklinik in Örebrö (Schweden) beim europäischen Kardiologenkongress vorgestellt wurde, darauf hin zu deuten, dass eine relativ kurzfristig nach einem Herzinfarkt durchgeführte Grippeschutzimpfung die Überlebensrate steigern und somit zum Standard nach Herzinfarkt werden könnte.

Grundsätzlich ist eine Grippeschutzimpfung bereits für Herz-Kreislauf-Erkrankte sowohl seitens der kardiologischen Leitlinien als auch seitens der STIKO empfohlen.

 

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