"Psychische Belastungen in der Pandemie: Basales Verhalten kann helfen!"

Episode 27

Inhalt:

Ob Angst vor Ansteckung oder Jobverlust, Überforderung durch Homeoffice und Homeschooling: Die Corona-Pandemie ist ein Stresstest für alle. Arbeitgeber und Verantwortliche für Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Unternehmen sind mehr denn je gefordert, die psychische Belastung ihrer Beschäftigten im Blick zu haben. Was Unternehmen und Mitarbeitende jetzt tun können, berichtet Birgit Bückle, Beraterin Gesundheitsmanagement B·A·D.

Weiterführende Informationen zum Thema:
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Fachexpertin:

Birgit Gückle, Beraterin Gesundheitsmanagement B·A·D

Beraterin Gesundheits-management B·A·D

Birgit Bückle

Moderation:

Sonja Plachetta, Christian Gies
(B·A·D-Unternehmenskommunikation)

Corona-Pandemie

Psychische Belastungen in der Pandemie

Interview mit Birgit Bückle, Diplom-Psychologin und Beraterin Gesundheitsmanagement B·A·D; sie berät Beschäftigte in Unternehmen im Rahmen psycho-sozialer Beratung (Employee Assistance Program)
 

Redaktion: Sehr viele Menschen empfinden die Belastungen während der Corona-Pandemie als sehr gravierend. Hat sich dadurch auch Ihre Beratungstätigkeit verändert?

Birgit Bückle: Ich mache die Veränderung an den Themen fest, die angesprochen werden. Vielfach geht es um Ängste, Unsicherheit im Umgang mit der Pandemie, Belastungen zuhause durch Homeschooling oder Sorge um den Arbeitsplatz. Viele sind in Kurzarbeit oder arbeiten gar nicht, weil der Betrieb geschlossen hat. Das ist auch eine Form von Belastung. Es gibt aber auch viele Führungskräfte, die sich extrem überlastet fühlen. Sie fühlen sich gestresst wie nie, weil es eben viel zu regeln gab in der Organisation oder in der Entwicklung innovativer Produkte.


Redaktion: Was macht Corona mit den Menschen? Welche Auswirkungen hat die Epidemie?

Birgit Bückle: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Menschen, die kommen damit ganz gut zurecht, sie sind ohnehin stabil, eher positiv, optimistisch, resilient. Sie haben vielleicht vorher schon relativ gesund gelebt, haben sich viel bewegt und gut für sich gesorgt. Denen geht es auch aktuell recht gut. Aber Menschen, die schon früher unter Ängsten oder Depressionen gelitten haben, labil waren hinsichtlich ihrer Stimmungslage, bei denen können sich die Symptome verstärken, die Ängste zunehmen. So beispielsweise bei einer Klientin, die eine schwere Angststörung hat und dadurch auch bereits eine Schwerbehinderung. Für sie bedeutet die Corona-Zeit eine große Einschränkung. Sie geht kaum mehr aus dem Haus, lässt sich Lebensmittel liefern und arbeitet digital von zuhause.


Redaktion: Müssen Sie auf Ihre Klientinnen und Klienten jetzt anders eingehen als vor der Pandemie?

Birgit Bückle: Nein, unsere Beratungsmethode ist ja für die unterschiedlichsten Anliegen geeignet. Wir sagen den Klientinnen und Klienten ohnehin nicht, was unserer Meinung nach die beste Lösung ist. Das können wir nicht wissen. Wir unterstützen dahingehend, dass sie eigene Lösungen finden. Häufig merken wir in Gesprächen – und das hat sich durch die Pandemie nicht verändert – dass die Ratsuchenden sich einfach selbst komplett überfordern. Das ist oftmals durch die Biografie bedingt, manchmal auch durch den Arbeitsplatz. Viele Menschen merken einfach lange Zeit nicht, dass sie schon am Limit sind und unterlassen es, für Erholungsphasen zu sorgen. Im schlimmsten Fall führt das dann zum Burnout.


Redaktion: Was sagt Ihre Erfahrung: Ist es ein schleichender Prozess, dass Beschäftigte nicht mehr leistungsfähig sind?

Birgit Bückle: In der Regel ist es ein schleichender Prozess, der oft über Jahre oder Jahrzehnte geht. Ich habe Klienten, oft Männer, die über 50 Jahre alt sind und 20, 30 Jahre einen sehr anspruchsvollen Job erledigt haben, teilweise mit Außendienst, manchmal mit langen Aufenthalten im Ausland. Lange haben sie das gut hingekriegt, und plötzlich, mit Anfang oder Mitte 50 geht gar nichts mehr. Das ist dann zum einen den Arbeitsbedingungen geschuldet, an denen die Mitarbeitenden auch nicht viel machen können. Zum anderen ist jedoch häufig auch so, dass sie gar nicht gemerkt haben, dass ihnen etwas fehlt oder dass sie die Dinge nicht mehr so gut bewältigen können. Das beobachte ich übrigens bei Männern häufiger als bei Frauen. Letztere kommen in der Regel etwas früher und stellen fest: Wenn ich jetzt so weiter mache, lande ich im Burnout.


Redaktion: Wie haben sich denn Ihrer Meinung nach die Arbeitsbedingungen verändert?

Birgit Bückle: Im Allgemeinen kann man schon sagen, dass die Arbeit immer dichter geworden ist, das Tempo hat sich rasant erhöht. Gleichzeitig wurde Personal abgebaut, immer weniger Fachkräfte müssen immer mehr leisten. Manchmal dann eben auch mit einer hohen Mobilität und Flexibilität, die vom Arbeitgeber gefordert wird, mit viel Verantwortung; und diese ja auch teilweise für große Budgets, was natürlich Druck verursacht. Verschärft werden Druck und Tempo ebenso durch die Medien, durch E-Mails, pandemiebedingt viele virtuelle Meetings, Video- und Telefonkonferenzen, wo dann ggf. auch die Technik nicht funktioniert und das Ärger verursacht. Bei vielen lösen eben diese Rahmenbedingungen Stress aus, weniger die Tätigkeit an sich.


Redaktion: Was können Unternehmen konkret tun, wenn Mitarbeitende psychisch erkranken?

Birgit Bückle: Beschäftigte sind ja nicht verpflichtet, die Gründe ihrer Arbeitsunfähigkeit anzugeben. Aber viele äußern sich ja dennoch offen gegenüber dem Arbeitgeber oder ihren Führungskräften. So kann man zum Beispiel vereinbaren, dass man den Kontakt hält, wenn die Erkrankten dies möchten. Doch der Arbeitgeber kann natürlich auch präventiv handeln. Es gibt ja die Gefährdungsbeurteilung Psychischer Belastungen, die durchgeführt werden muss. Sie ist eine sinnvolle Sache, um Belastungen überhaupt erst einmal zu erkennen, die bei bestimmten Tätigkeiten und an bestimmten Arbeitsplätzen bestehen. Unter Umständen ist es dann auch unerlässlich, Maßnahmen zu entwickeln, um die Belastungen zu reduzieren. Sofern Beschäftigte zurückkommen nach einer längeren Arbeitsunfähigkeit gibt es auch eine gesetzliche Verpflichtung für den Arbeitgeber, ihm/ihr das Betriebliche Eingliederungsmanagement anzubieten. Auch das dient dazu, die Gesundheit zu erhalten und möglicherweise Arbeitsbedingungen anzupassen.


Redaktion: Und die Führungskräfte?

Birgit Bückle: Führungskräfte haben eine wichtige Rolle, insbesondere hinsichtlich psychischer Belastungen oder Erkrankungen. Wichtigstes Instrument ist das Gespräch. Beschäftigte erleben Gespräche mit Führungskräften in der Regel als positiv, als Zuwendung und als Interesse. Und wenn eine Führungskraft hin und wieder, optimalerweise ein paar Mal im Monat oder zumindest einmal im Monat nachfragt, wie es den Mitarbeitenden geht, ob sie irgendetwas haben, was sie belastet und man dann zusammen nach Lösungen sucht, ist das sicherlich das Wichtigste, was sie tun kann. Wichtig ist auch darauf zu achten, wie die Stimmung im Team ist. Das heißt, Konflikte zeitnah zu bearbeiten und nicht zu warten, dass die Beschäftigten das irgendwie unter sich regeln. Es kommt leider häufig vor, dass Führungskräfte warten, ob Konflikte sich nicht von allein lösen. Manchmal ist das auch tatsächlich so. Aber häufig leider nicht und dann schwelen die Konflikte vor sich hin und belasten unter Umständen über längere Zeit das ganze Team oder sogar die ganze Abteilung. Und das stellt eine enorme psychische Belastung dar, die nicht zu unterschätzen ist.


Redaktion: Aber bedingt durch die Pandemie ist das Interesse an den Mitarbeitenden doch irgendwie begrenzt, weil man sich nicht persönlich sieht...

Birgit Bückle: Ich glaube nicht, dass das Interesse an sich geringer geworden ist. Es ist nur tatsächlich schwieriger, solche Gespräche zu führen, wenn man sich seltener sieht. Ein Telefongespräch oder eine Videokonferenz ist eben nicht dasselbe. Und es ist für Führungskräfte auch schwierig, den Kontakt zu halten, sowohl zum Team als auch zu einzelnen.


Redaktion: Führungskräfte sind aber keine Psychologen. Sie könnten ja eigentlich nicht die Erwartungen von Mitarbeitenden erfüllen, dass sie jetzt sämtliche Probleme und Herausforderungen für diese lösen?

Birgit Bückle: Nein, das ist nicht ihr Job. Und es ist auch wichtig, dass Führungskräfte sich dessen bewusst sind, dass ihre Verantwortung Grenzen hat, dass sie in einer Rolle sind, die sich auf den Arbeitsplatz bezieht, dass sie in gewissen Grenzen die Arbeitsbedingungen beeinflussen können oder sogar verändern. Alles was darüber hinaus geht, ist nicht ihr Einflussbereich. Außerdem ist es wichtig, dass Führungskräfte sich selbst schützen, dass sie nicht versuchen, Beschäftigten die Verantwortung abzunehmen für ihr Leben, das entscheidet jeder für sich selbst. Was eine Führungskraft, der Arbeitgeber oder wir als Beraterinnen/Berater machen können sind Angebote, Vorschläge und darauf hinweisen, dass sich Beschäftigte ggf. Unterstützung holen. Und wir können darauf hinweisen, wo man die bekommen kann. Doch auch wenn die/der Betroffene sich entscheidet, diese Unterstützung nicht in Anspruch zu nehmen, kann sie/ihn niemand dazu zwingen, ihn verändern oder ihm die Verantwortung abnehmen. Das funktioniert nicht.


Redaktion: Wir arbeiten vermehrt mobil, Arbeit und Privatleben verschwimmen immer mehr. Ist es überhaupt noch möglich, Grenzen zu setzen?

Birgit Bückle: Das wird immer wichtiger. Noch vor einigen Jahren war es einfacher. Man ging zur Arbeit, ins Büro oder in den Betrieb und hat dort mehrere Stunden gearbeitet, dann ging man wieder nach Hause. Es gab eine klare Trennung. Durch die Pandemie und das Arbeiten zuhause ist diese Trennung nicht mehr sichtbar, es verschwimmt alles immer mehr miteinander. Umso wichtiger ist es daher, sozusagen im Kopf diese Grenze zu ziehen, sich selbst abzugrenzen. Das ist eine Herausforderung und umso schwerer, je engagierter man ist, sowohl für Führungskräfte als auch für Beschäftigte. Hier kann es leicht passieren, sich zu überfordern, sich unter Druck zu setzen. Es ist ein häufiges Thema in Beratungsgesprächen, dass insbesondere die innere Abgrenzung nicht so gelingt, wie es eigentlich gesund wäre für den Einzelnen.


Redaktion: Wenn erkrankte Personen an den Arbeitsplatz zurückkehren, gibt es das Mittel der Wiedereingliederung. Gibt es besondere Schwierigkeiten, die Betroffene haben in dieser Phase?

Birgit Bückle: Das kommt auf die Tätigkeit an. Manchmal zeigt sich tatsächlich, dass die alte Tätigkeit vielleicht gar nicht mehr ausgeführt werden kann, je nachdem welche Belastung sie mit sich bringt. Um bei psychischen Erkrankungen zu bleiben: Wenn jemand beispielsweise plötzlich massive Ängste entwickelt oder unter Depressionen leidet, kann sie/er ggf. nicht mehr so viel unterwegs sein. Ich kann von einem Fall berichten, da wurde ein Mitarbeiter alkoholabhängig. Seine Arbeit war geprägt durch viele Auslandsaufenthalte, Stress, viel Verantwortung, häufiges Getrenntsein von der Familie. Er ist zwar jetzt trocken und hat eine Therapie gemacht, wenn er jedoch auf denselben Arbeitsplatz zurückkehren würde, ist die Gefahr groß, dass er wieder rückfällig wird. Hier ist der Arbeitgeber dann gefragt, welche andere Tätigkeit es vielleicht geben könnte für einen langjährigen Mitarbeitenden, der immer gute Leistungen gebracht hat, aber eben dann durch psychische Belastungen bei der Arbeit krank geworden ist.


Redaktion: Was kann man denn der eigenen Psyche Gutes tun in diesen Zeiten und wie kann ich positive Faktoren in meinen Arbeitsalltag einbauen?

Birgit Bückle: Wichtig ist es zunächst einmal, für seine Grundbedürfnisse zu sorgen: das heißt ausreichend essen, trinken, schlafen, sich an der frischen Luft bewegen. Das klingt banal, wird aber leider oft gerade in Belastungssituationen vernachlässigt. Im Arbeitsalltag sind mehrere kurze Pausen besser als eine lange. Ans offene Fenster stellen und ein paar Mal tief ein- und ausatmen, in die Ferne schauen, die Schultern kreisen lassen, das ist eine einfache Möglichkeit sich zwischendurch zu entspannen.

Soziale Kontakte sind für uns lebenswichtig. Telefonieren oder virtuelle Meetings können persönliche Kontakte nicht ganz ersetzen, sind aber besser als gar keine.

Ausgleich zur Arbeit sieht für jeden Menschen anders aus. Für den einen ist es Sport, für andere Musik machen, Tanzen, Singen, Malen, Gartenarbeit, Kochen, mit dem Hund Gassi gehen, ein Ehrenamt wahrnehmen. Egal was es ist – Hauptsache, es gibt Dinge, die neben der Arbeit eine Rolle im Leben spielen.

Ganz besonders wichtig ist es, mit sich selbst freundlich umzugehen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es sich anhört. Viele sprechen mit sich selbst sehr streng. Die eigenen Ansprüche an sich selbst sind oft viel höher als die Ansprüche an andere Menschen. Mit anderen haben wir oft mehr Mitgefühl und Empathie als mit uns selbst.

Man kann es aber lernen, mit sich selbst freundlich und unterstützend umzugehen, sich beispielsweise zu fragen: Was habe ich gut gemacht? Wo sind meine Stärken? Was sagen Menschen über mich, die mich schätzen und lieben? Was habe ich schon alles geleistet im Leben? Welche schwierigen Situationen habe ich gut bewältigt? Welche Menschen haben mich unterstützt? Was ist das Positive in meinem Leben? Worauf freue ich mich? Wofür bin ich dankbar?

Diese Gedanken können viel bewirken. Wir haben häufig einen defizitorientierten Blick. Doch wenn wir in uns gehen, sehen wir, dass es sehr viel Positives im eigenen Leben gibt. Das sollte man sich immer wieder bewusst machen, dann fühlt man sich sofort besser.



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