Newsletter 09/18

"Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter ungleich behandeln!"

Dr. med. Jörg Schröder: "Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter ungleich behandeln!"
"Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter ungleich behandeln!"

Interview

Als Arzt, Medizininformatiker und Führungs-Coach ist Dr. med. Jörg Peter Schröder seit mehr als 30 Jahren an der Nahtstelle von Führung, Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung im internationalen Gesundheitsmanagement tätig. Das gesunde Entwickeln von Potenzialen bildet dabei den Schwerpunkt seiner Arbeit. Bei der B·A·D-Expertentagung vom 5. bis 6. Dezember in Fürth referiert Dr. Schröder zum Thema „Move your ass - Mit Haltung und Bewegung in Führung gehen“.

Im Interview spricht Dr. Schröder darüber, wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter schnell demotivieren können, wie sie dabei auch noch ins berühmte Hamsterrad geraten, bis hin zum Burnout oder Herzinfarkt – und welche Lösungen es gibt, den gordischen Knoten zu lösen.


Es gibt rund vier Millionen Führungskräfte in Deutschland – wie erklären Sie sich, dass laut einer Umfrage aus dem Jahr 2015 fast 60 Prozent der deutschen Angestellten ihren Chef als unterdurchschnittlich bewerten?
Dr. Jörg Schröder:
Dafür gibt es mehrere Gründe: Führungskräfte wertschätzen und würdigen ihre Mitarbeiter zum einen zu wenig. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter hat das erste von zehn Projekten exzellent abgeschlossen. Oft erhält er von seiner Führungskraft für die Leistung aber kein Lob. Im Gegenteil: Es wird nur auf die weiteren neun fertigzustellenden Projekte verwiesen. Immer wieder erlebe ich in Unternehmen fehlende Klarheit und Transparenz. Das demotiviert Mitarbeiter enorm und führt häufig zu Unsicherheit. Mitarbeiter erwarten klare Entscheidungen von Führungskräften. Auch findet eine Einbindung häufig nicht statt. Wenn sich Mitarbeiter nur noch zu Erfüllungsgehilfen degradiert fühlen, bleibt nur noch Frust.

Klingt auf den ersten Blick so, als ob Führungskräfte solche Situationen leicht vermeiden könnten…
Dr. Schröder: Das hat immer etwas mit der Haltung der Führungskraft zu tun. Delegiert sie nicht gerne Aufgaben oder möchte immer alles perfektionistisch erledigt haben, muss man sich nicht über mangelnde Einbindung von Mitarbeitern wundern.

Welche Fragen sollte ich mir beantworten, bevor ich Führungskraft werde?
Dr. Schröder:
Mag ich Menschen? Bin ich begeisterungsfähig? Bin ich authentisch? Lebe ich meine eigenen Werte vor? Wenn ich selbst nicht offen und ehrlich bin, dies aber von meinen Leuten erwarte, werde ich unglaubwürdig. Führungskräfte sollten insbesondere Empathie und Werteorientierung verinnerlicht haben, wenn sie Menschen führen möchten.

Führungskräfte sollten für ihre täglichen Herausforderungen fit und gesund sein. Wie gelingt ihnen das?
Dr. Schröder:
Bei der heutigen Arbeitswelt mit ihren ständig sich verändernden Rahmenbedingungen muss ich als Führungskraft eine Vorbildfunktion für meine Mitarbeiter einnehmen. Ernähre ich mich gesund? Bewege ich mich? Pflege ich Hobbies, Freunde und Familie? Lege ich Entspannungszeiten ein und schalte ich meine Kommunikationskanäle regelmäßig ab? Viele mir bekannte Führungskräfte gehen bis an ihre Grenzen, arbeiten bis spät abends und schlafen schlimmstenfalls in Meetings ein. Bei Schlafstörungen, Beziehungsproblemen, Burnout oder auch einem Herzinfarkt sollte man dann allerspätestens reflektieren, was man ändern muss.

Vermutlich ist es ein schleichender Prozess in dieses berühmte Hamsterrad zu geraten?
Dr. Schröder:
Ja! Wir alle sind in bestimmten Mustern gefangen, verinnerlichen unsere Glaubenssätze, die wir mit der Muttermilch mitbekommen haben: Sei immer stark, immer schnell und pünktlich, gib stets Dein Bestes! Wenn Führungskräfte nicht reflektieren, dass ihnen dieses ‚Höher, schneller, weiter‘ nicht gut tut, wird es gefährlich. Auch wenn es vielen schwerfällt: Die Selbstreflexion ist immens wichtig.

Ein Coach oder Mentor kann Führungskräfte unterstützen, indem er ihnen den Spiegel vorhält – und Fragen stellt: Leben Sie Ihre Werte? Kennen Sie Ihre Bedürfnisse? Schaffen Sie eine Kultur des Gelingens, des Vertrauens, der Fehlerfreudigkeit, des Mutes? Nur dann kann eine Führungskraft klar, authentisch, respektvoll und wertschätzend mit ihren Mitarbeitern umgehen – besonders in schwierigen, konfliktreichen Situationen.

Welcher Führungsstil ist am besten geeignet, den Anforderungen der Arbeitswelt zu genügen?
Dr. Schröder:
Bis heute führen viele noch sehr stark transaktional. Dazu gehören auch die Zielvereinbarungen. Mit dem Ergebnis, dass meistens lediglich gute bis mittelmäßige Ergebnisse erzielt werden. Wenn Sie aber heute ein höheres Qualitätsniveau erreichen möchten, braucht es einen neuen Führungsstil: den transformationalen. Hier habe ich als Chef eine Vorbildfunktion inne: Meinen Mitarbeitern vermittle ich eine anspornende Zukunftsvision, weise sie in eine sinnhafte und inspirierende Richtung, in die sich das Unternehmen entwickeln wird, und rege zum unabhängigen und kreativen Denken an. Ein Vorgesetzter sollte auch auf die individuellen Bedürfnisse, Talente und Potenziale seiner Mitarbeiter eingehen. Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter unbedingt ungleich behandeln! Denn: Jeder tickt anders. Es sollte Raum für Vielfalt und Heterogenität bestehen. Nur dann kann ein Team erfolgreich sein.

Wann ist ein Team ein gutes Team?
Dr. Schröder:
Es werden Mitarbeiter benötigt, die offen für Neues sind, die hoch flexibel sind, sehr intuitiv arbeiten und den Kollegen zeigen, wie man mutig nach vorne gehen kann. Das hat man bei der jüngsten Fußball-Weltmeisterschaft gesehen: Bin ich intrinsisch motiviert zu gewinnen oder spiele ich, um nicht zu verlieren? Oder habe ich überhaupt keine Motivation? Dieses Wir-Gefühl im Team ist essenziell – besonders in emotionaler Hinsicht: Gebe ich für meine Verhältnisse alles? Oder zeige ich nur professionelle Effizienz?

Oftmals erlebe ich sehr professionelle und effiziente Führungskräfte. Diese tragen aber kein Feuer in sich. Gerade in Veränderungssituationen werden Mitarbeiter benötigt, die für das Neue brennen. Und dazu beitragen, dass dieses sinnstiftende Element auch wirklich gelebt wird. Und da sind Zielvereinbarungen aus meiner Sicht nicht das geeignete Instrument, Mitarbeiter zu begeistern und eine neue Form von Verbundenheit zu leben.

Alle reden von Agilität, aber was bedeutet dies genau?
Dr. Schröder:
Agilität hat ganz viel mit Bewegung und Beweglichkeit zu tun – im physischen wie im psychischen Sinne. Wie fit und flexibel bin ich selbst? Wie resilient und bewegungsfreudig sind wir im Team, auch in Belastungssituationen? Wie flexibel wirken wir gestaltend auf sich ändernde Rahmenbedingungen? Daher gilt das Motto: Move your ass!


Sie möchten Dr. med. Jörg Schröders Vortrag sowie weitere spannende Referenten auf der Expertentagung in Fürth am 5. und 6. Dezember kennenlernen?
Hier erhalten Sie weitere Informationen zur Tagung - mit der Möglichkeit sich online anzumelden.