BEM in Zeiten von Corona

Ungeachtet der betrieblichen Auswirkungen von Corona sind Arbeitgeber verpflichtet, Beschäftigten das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) anzubieten, wenn diese in den zurückliegenden zwölf Monaten mehr als sechs Wochen arbeitsunfähig waren. Gerade in Krisenzeiten ist dieses Angebot wichtiger denn je, und zwar sowohl für die BEM-berechtigten Mitarbeitenden als auch für das Unternehmen, beschreibt Katharina Kresse, BAD-Expertin für dieses Thema, im Interview.

  Warum ist BEM gerade in Zeiten von Corona so wichtig?

  Wer an Corona erkrankt, muss ggf. mit Arbeitsunfähigkeit und langen gesundheitlichen Einschränkungen rechnen. Darüber hinaus verstärken die Auswirkungen von Corona bestimmte Erkrankungen. Psychische Belastungen können durch Social Distancing entstehen oder sich verstärken, Rückenbeschwerden können durch geschlossene Fitnessstudios und mangelnde Bewegung zunehmen, da gibt es viele Aspekte. Homeoffice und Kontaktbeschränkungen sowie das Social Distancing schränken die Möglichkeiten für betroffene Mitarbeitende, sich an jemanden zu wenden, ein. Gespräche zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften reduzieren sich auf das notwendigste Maß, „Zwischen-Tür-und- Angel-Gespräche“ finden kaum noch statt. Aufgrund der Distanz fallen durch Belastungen veränderte Mitarbeitende nicht mehr so schnell auf. Umso wichtiger, dass das BEM-Gespräch der oder dem betroffenen Beschäftigten ermöglicht, nach dem persönlichen Wohlbefinden und den gesundheitlichen Einschränkungen gefragt zu werden. Nur so können Maßnahmen gemeinsam erarbeitet und Belastungen reduziert werden


  Ist es sinnvoll, BEM auf die Zeit nach Corona zu verschieben?

  Auf keinen Fall. Zum einen setzt Corona die gesetzliche Verpflichtung nicht aus. Zum anderen vergibt man damit die Chance, rechtzeitig Maß - nahmen einzuleiten und somit weitere Arbeitsunfähigkeit zu verhindern. BEM ist in Zeiten von eingeschränkter Kommunikation umso wichtiger. Es empfiehlt sich sogar, über ein zusätzliches frei - williges BEM-Angebot noch vor Erreichen der sechs Wochen nachzudenken, um früher mit der oder dem Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. Außerdem wird die Pflicht durch die neue SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel in der Fassung vom 10. August 2020 verstärkt. In Punkt 5.5 wird auf die Rückkehr zur Arbeit nach einer SARS-CoV-2-Infektion oder COVID-19-Erkrankung eingegangen. Dort heißt es:

  1. Beschäftigte, die nach einer COVID-19-Erkrankung zurück an den Arbeitsplatz kommen, haben aufgrund eines möglicherweise schweren Krankheitsverlaufs einen besonderen Unterstützungsbedarf zur Bewältigung von arbeitsbedingten physischen und psychischen Belastungen.
  2. Zurückkehrende müssen vor Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit Informationen darüber bekommen, welche Schutzmaßnahmen aufgrund der SARS-CoV-2-Epidemie im Betrieb bzw. der Einrichtung getroffen wurden.
  3. Grundsätzlich müssen Beschäftigte gegenüber dem Arbeitgeber im Falle einer Erkrankung keine Diagnosen oder Krankheitssymptome offenbaren. Gegebenenfalls erforderliche Informationen des Arbeitgebers übernimmt das Gesundheitsamt im Rahmen der Quarantäneveranlassung. Erhält der Arbeitgeber Kenntnis über die Ansteckung einer/ eines Beschäftigten, gilt es, deren/dessen Identität so weit es geht zu schützen, um einer Stigmatisierung von Betroffenen vorzubeugen.
  4. Sind konkrete Infektionen bekannt geworden, werden möglicherweise einzelne Beschäftigte unsicher sein im Umgang mit zurückkehrenden Mitarbeitenden und Ängste haben, sich am Arbeitsplatz zu infizieren. Informationen zum aktuellen Wissensstand, insbesondere zum Ansteckungsrisiko oder dem Risiko einer Neuerkrankung, können zum Abbau von Ängsten beitragen.

 

Viele dieser Punkte werden bereits im BEM-Verfahren berücksichtigt.


 Wie funktioniert das BEM, wenn die betroffene Person vom Homeoffice aus arbeitet?

  Unternehmen lassen persönliche Gespräche während der Pandemie nur noch in Ausnahmen zu, Kontakte sind daher auf ein Minimum reduziert. BEM-Gespräche finden dann entweder über Videokonferenzen oder telefonisch statt. Da man über Gesundheitsdaten spricht, ist es wichtig, die Software auf den Datenschutz hin zu überprüfen. Im ersten Gespräch empfehlen wir die Videokonferenz, denn sie ermöglicht mittels Kamera Blickkontakt und kommt dem persönlichen Gespräch am nächsten. Wichtig ist es, Vertrauen aufzubauen. Weitere Kontakte könnten dann telefonisch durchgeführt werden. Dabei ist zu beachten, dass man sich die nötige Zeit nimmt, Störfaktoren abschaltet und dass das Gespräch „unter vier Ohren“ stattfindet.


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  Können Sie uns ein Beispiel nennen für ein erfolgreich durchgeführtes BEM jetzt während der Pandemie?

  Um ein Beispiel aus der betrieblichen Praxis zu beschreiben: Ein Mitarbeiter in einer Verwaltung erkrankte im September an Corona. Er fiel ins - gesamt fünf Wochen aus. Durch das über zehn Tage anhaltende Fieber war sein Körper geschwächt. Er litt vermehrt an Kopfschmerzen und Kurzatmigkeit sowie einer Fußgelenkentzündung, die zu weiteren Arbeitsunfähigkeitszeiten führte. Durch die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten und flexibel Pausen bei der Arbeit zu machen, gelang dem Mitarbeiter der Einstieg. Corona bringt in vielen Fällen nach überstandener Infektion Langzeitfolgen mit sich. Das kann Atemwege, Herz und Kreislauf, Muskelapparat, Nerven - system und auch den Stoffwechsel betreffen. Hier ist es ratsam, das BEM-Verfahren länger laufen zu lassen, um jederzeit „nachsteuern“ zu können und alle therapeutischen Maßnahmen in Betracht zu ziehen. Eine Reha beugt einer Erwerbsunfähigkeit vor und bereitet auf den Wiedereinstieg vor. Die Rehakliniken verfügen über gute Hygienekonzepte und haben ausgezeichnete intensive Anwendungen, die so in keiner ambulanten Therapie möglich sind. Hat die oder der Beschäftigte bei Aufnahme der Tätigkeiten noch Einschränkungen, finden sich diese im Rehabericht wieder und erleichtern die Suche nach Maßnahmen. Allerdings ist das Ein - binden des Rehaberichtes in das BEM-Verfahren für Mitarbeitende freiwillig. Hier ist zu respektieren, wenn der Betroffene ihn nicht vorzeigen möchte. Häufig reichen aber auch Auszüge, die sich auf die Arbeitsanamnese beziehen. Dann sollte der Arbeitsversuch im Rahmen einer stufenweisen Wiedereingliederung erfolgen. Sie bietet die Möglichkeit, das Arbeitsvolumen schrittweise und individuell bis zur vollen Belastung anzuheben. Bei Bedarf kann eine Ergotherapie unterstützen.