Glossar

Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit

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Psychologie im Arbeitsschutz

In der modernen Arbeitswelt nehmen die körperlichen Belastungen der Beschäftigten in vielen Bereichen zwar ab, dafür steigen die psychischen Anforderungen und Belastungen, häufig verbunden mit daraus folgenden arbeitsbedingten Erkrankungen. Mobbing als vielfach diskutiertes Phänomen modernen Arbeitslebens zeigt auf, wie sich unter veränderten ökonomischen Bedingungen das Verhalten von Beschäftigten selbst zum krankmachenden Faktor ausbilden kann. Mit technischen und arbeitsmedizinischen Mitteln allein können die Beschäftigten nicht vor allen Gefahren bei ihrer Tätigkeit geschützt werden. Als Reaktion auf die veränderten Arbeitsbedingungen nutzen zahlreiche Betriebe die Fachkunde von Betriebspsychologen. Ihre Aufgabe ist es, den Unternehmer bei arbeitspsychologischen Aufgaben, die dem Arbeits- und Gesundheitsschutz dienen, zu unterstützen.

 

Im Vordergrund der Arbeits- und Betriebspsychologie stehen folgende Ziele:

  • die Arbeit sicher und gesunderhaltend gestalten
  • die Beschäftigten ihren Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechend auswählen und einsetzen
  • sicheres und gesundheitsgerechtes Verhalten der Beschäftigten fördern
  • Risiken durch das Verhalten von Menschen im Arbeitsprozess zu erkennen und auf ein akzeptables Maß zu vermindern.

 

Bei der Gestaltung der Arbeitsplätze und Arbeitsverfahren müssen menschliche Fähigkeiten, Eigenschaften und Leistungsgrenzen berücksichtigt werden. Der Einsatz der Beschäftigten muss Eignung und Arbeitsanforderungen berücksichtigen, damit sie sicher und gesund arbeiten können. Zur Beurteilung der persönlichen Eignung und der Anforderungen der vorgesehenen Tätigkeit hat die Arbeits- und Betriebspsychologie erfolgreiche Testverfahren entwickelt.

 

Aufgabe der Sicherheitspsychologie ist es, den Stellenwert des Faktors Mensch unvoreingenommen zu bewerten, das heißt z. B., Fehler in der Wahrnehmung von Gefahrensignalen oder Fehler bei schnellen Entscheidungen in ungewissen Situationen als Ursache von Unfällen und Störfällen richtig einzuschätzen, nach den Bedingungen zu suchen, die zu solchen Fehlern führen, und Vorschläge zur Beseitigung der Fehlerquellen zu entwickeln. Einige klassische Fragestellungen sind z. B.:

  • Gibt es den Unfäller, d. h. Menschen, die einer besonderen Unfallneigung unterliegen?
  • Kann Sicherheit durch die Personalauswahl (nach Fähigkeiten und Fertigkeiten) gefördert werden?
  • Sind menschliche Handlungsfehler die Hauptursache von Unfällen und Störfällen?
  • Unter welchen Bedingungen bilden sich sichere oder nicht sichere Verhaltensweisen, Routine, Gewohnheiten, Automatismen?
  • Welchen Einfluss haben Arbeitsgestaltungsmaßnahmen (Ergonomie) auf sicheres Verhalten?
  • Mit welchen Methoden und Mitteln sind Menschen zu sicherem, gesundheitsbewusstem Verhalten zu veranlassen?

 

Die Ergebnisse dieser Forschung - darunter Erkenntnisse aus zahlreichen Studien der betrieblichen Feldforschung - finden in der Sicherheitsorganisation und -praxis vieler Unternehmen Berücksichtigung, z. B. bei

  • der Auswahl, Einführung und Durchsetzung des Tragens Persönlicher Schutzausrüstung
  • der Einführung psychologischer Strategien zur Steigerung des Sicherheitsbewusstseins und -standards
  • der Entwicklung und Durchsetzung von Führungsgrundsätzen und -strategien zur Sicherheit
  • der Bewusstseinsbildung über die Grundlagen sicheren und nichtsicheren Verhaltens
  • der Einführung von Sicherheitswettbewerben (Information und Motivation)
  • der Qualifikation des Führungspersonals für die Wahrnehmung von Sicherheitsaufgaben (Motivation, Information, Schulung, Unterweisung, Training, Unfall- und Fehleranalysen)
  • der menschengerechten Gestaltung der Arbeit (psychische Faktoren der Belastung und Beanspruchung, Ergonomie als Voraussetzung für sicheres Handeln und zur Fehlervermeidung)
  • Sicherheits- und Risikoanalysen (Faktor Mensch).

 

Von der Arbeitssicherheitspsychologie wird häufig die Lösung von Problemen erwartet, die mit sonstigen betriebsüblichen Methoden nicht beseitigt werden. Die Psychologie hat allerdings keine Patentlösungen zum erfolgreichen Motivieren der Beschäftigten. Psychologische Maßnahmen kompensieren Gefährdungen nur oder reduzieren deren Wirksamwerden. Trotz aller Verbesserungen bleiben Risiken. Deshalb kann auf die Vermittlung von Verhaltenstechniken nicht verzichtet werden, die Arbeitsfehler minimieren helfen und ein sicheres, gesundheitsbewahrendes Arbeiten gewährleisten. Für diese Aufgaben des Informierens und Motivierens sowie der Sicherheitsarbeit insgesamt brauchen Führungskräfte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit und andere Sicherheitsexperten psychologisches Wissen, das in der Aus- und Fortbildung im Rahmen von Seminaren der Unfallversicherungsträger und anderer Einrichtungen, zum Beispiel der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), vermittelt wird. Im Unternehmen ist für eine erfolgreiche Verhaltensbeeinflussung die Anwendung von psychologischen Maßnahmen unerlässlich. Sie finden z. B. in der Führungspraxis, bei Unterweisungen, Schulungen, Aktionen und Wettbewerben Anwendung.

 

Arbeitssicherheitspsychologisches Wissen ist mehr als bisher präventiv, bereits im Stadium der Planung, Projektierung und Konstruktion von Arbeitssystemen einzusetzen, insbesondere bei Arbeitssystemen mit hohen verhaltensbedingten Risiken. Diese Aufgabenstellung korrespondiert mit arbeitsmedizinischen und ergonomischen Präventionskonzepten. Für bereits bestehende Arbeitssysteme sind systematische Sicherheitsdiagnose-Methoden verfügbar, wie zum Beispiel der Fragebogen zur Sicherheitsdiagnose (Hoyos, 1991), mit denen potenzielle Gefährdungsstellen und -handlungsweisen rechtzeitig zu entdecken sind.

 

Weitere Zielfelder der modernen Arbeitssicherheitspsychologie liegen im Bereich der Handlungsfehlerforschung, der Risikoanalysen, speziell der Risikowahrnehmung und des Risikokompensationsverhaltens, der Vigilanzproblematik sowie weiterer Faktoren der psychischen Belastung und Beanspruchung. Als besonders effizient zur Steigerung der Sicherheit und der Gesundheit hat sich die konzeptionelle Verbindung von Ergonomie und Sicherheitspsychologie erwiesen. Erfolgreich werden arbeitssicherheitspsychologische Erkenntnisse auch in einem Unfallschwerpunkt eingesetzt, der einen immer größeren Anteil meldepflichtiger Unfälle einnimmt: den Unfällen durch Stolpern, Stürzen, Umknicken, Ausrutschen, Fallen.

 

Die Ergebnisse der neueren betrieblichen Unfallstatistikauswertungen und die Entwicklung der arbeitsbedingten Erkrankungen verschieben Maßnahmen für die Beschäftigten zunehmend auf psychologisch fundierte Interventionen. Deren Wirksamkeit ist abhängig von der Beachtung psychologischer Erkenntnisse. So wird häufig zu wenig die Nachhaltigkeit von personenbezogenen Sicherheits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen beachtet. Maßnahmen in diesem Bereich müssen lernpsychologische Gesetzmäßigkeiten und Erkenntnisse berücksichtigen, z. B. das gut bekannte Problem der Änderung eingefahrener sicherheitswidriger Verhaltensgewohnheiten. Nachhaltiger Erfolg bei solchen Interventionen ist nur dann zu erwarten, wenn eine Mindestfrequenz und -dauer eingehalten wird.

 

Arbeitssicherheitspsychologie als angewandte Wissenschaft ist heute nicht nur in vielen Unternehmen und Institutionen Lehrinhalt in der Ausbildung von Führungs- und Fachkräften. Eine Reihe von Universitäten und freiberuflichen Psychologen beraten und unterstützen Unternehmen in der Optimierung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes mit einer Vielzahl bewährter Methoden und Konzepte. Eine gute, verständliche Darstellung des Themengebiets für den betrieblichen Praktiker findet sich bei Renggli (1994), der die wichtigsten Erkenntnisse psychologischen Arbeits- und Gesundheitsschutzes zusammenträgt.

 

Anders als in Deutschland, gibt es in anderen Ländern eine umfangreiche sicherheitspsychologische Forschungs- und Anwendungspraxis. Aus dieser sind die in großen internationalen Unternehmen bekannten Human-Behavior-Programme und -Konzepte entstanden. Der wichtigste Vertreter dieser Fachrichtung ist der amerikanische Psychologe E. Scott Geller. In "Working safe" und "The Psychology of Safety - Handbook" stellt er umfassend Grundlagen und Anwendungspraxis der Arbeitssicherheitspsychologie vor. Es finden sich hier Konzepte und Programme, mit denen sicheres Arbeiten in Unternehmen gefördert werden kann. Auch für Themen wie den Umgang mit Mitarbeitern, die wiederholt gegen Sicherheitsregeln verstoßen (Sanktionen), oder für Maßnahmen zur Reduzierung von human errors liefert Geller ausgearbeitete Vorschläge.

Literatur

  • Burkardt, F./Colin, I.: Zur Sicherheit führen. Motivation im Arbeitsschutz, Universum Verlag, Wiesbaden 1997 (Link)
  • Burkardt, F.: Arbeitssicherheit. In: Mayer, A./Herwig, B. (Hrsg.): Betriebspsychologie. Handbuch der Psychologie, Bd. 9, 2. Aufl., Hogrefe Verlag, Göttingen 1970 (Link)
  • Geller, E. Scott: The Psychology of Safety - Handbook. Lewis Publishers, Boca Raton, London, New York 2001
  • Geller, E. Scott: Working Safe. How to help people actively care for health and safety. Lewis Publishers, Boca Raton, London, New York 2001
  • Graf Hoyos, C./Ruppert, F.: Umsetzung sicherheitspsychologischer Erkenntnisse in arbeitsplatzbezogene Sicherheitsdiagnosen, Schlussbericht an den Projektträger Arbeit und Technik, Technische Universität, München 1991
  • Graf Hoyos, C./Wenninger, G. (Hrsg.): Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in Organisationen, Verlag für Angewandte Psychologie, Göttingen 1995
  • Graf Hoyos, C.: Psychologische Unfall- und Sicherheitsforschung, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1980
  • Nickel, U./Kuch, P./Bauer, W.: Gesundes Arbeiten lernen. Das Arbeitsplatzprogramm, Universum Verlag, Wiesbaden 1998 (Link)
  • Reason, J.: Menschliches Versagen. Psychologische Risikofaktoren und moderne Technologien, Spektrum Psychologie, Akademischer Verlag, Heidelberg 1994
  • Renggli, F.: Wege zu sicherem Verhalten, Universum Verlag, Wiesbaden 1994 (Link)
  • Wenninger, G.: Arbeitssicherheit und Gesundheit. Psychologisches Grundwissen für betriebliche Sicherheitsexperten und Führungskräfte, Asanger Verlag, Heidelberg 1991

Quellen

www.arbeit-und-gesundheit.de