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Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit

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Müdigkeit und Sekundenschlaf

Seit einigen Jahren gewinnt in der Sicherheitsforschung und Prävention das Thema "Müdigkeit" zunehmend an Bedeutung. Dies ist sicherlich auch eine Folge der Entwicklung hin zur "Rund-um-die-Uhr-Ökonomie" (Stichwort: 24/7). Müdigkeit ist in vielen Untersuchungen als eine wesentliche Unfallursache ermittelt worden. In den Medien ist in diesem Zusammenhang oft auch von "Sekundenschlaf" die Rede. Das US Department of Transportation kommt z. B. zu der Einschätzung, dass bei 20-40 % der Unfälle im gewerblichen Transport Müdigkeit die wesentliche Unfallursache darstellt. Eine Analyse des Unfallgeschehens auf deutschen Autobahnen ergab, dass bei 24 % der Unfälle mit Todesfolge der Fahrer eingeschlafen war (Langwieder u. a., 1994). 18,5 % der im Kölner Raum befragten Unfallverursacher gaben an, Müdigkeit sei die Hauptunfallursache gewesen (ten Thoren und Gundel, 2003).

 

Das Müdigkeitsproblem zeigt sich auch in anderen Bereichen der Arbeitswelt: So spielte bei Großunfällen (z. B. Tanker Exxon Valdez, Kernkraftwerk Tschernobyl, Chemiewerk Bophal) und auch bei kritischen Ereignissen in der Luftfahrt Müdigkeit und die dadurch bedingte Leistungsreduktion der Handelnden eine entscheidende Rolle (Transport Canada 2005).

 

Neben geistiger und körperlicher Beanspruchung sind für die Entstehung von Müdigkeit (Abbildung) noch weitere Größen von Bedeutung.

 

Die Tageszeit, zu der die Aktivität ausgeführt wird, bestimmt mit darüber, wie schnell sich Ermüdung einstellt. Jeder Mensch unterliegt einem 24-Stunden-Rhythmus, bei dem sich Phasen von Schlafen und Wachen abwechseln (circadianer Rhythmus). Der menschliche Körper ist auf Schlafen in der Nacht und Wachsein am Tage hin programmiert (biologische Uhr). Die biologische Uhr steuert physiologische und biologische Prozesse, wie z. B. die Verdauung, die Körpertemperatur und die Ausschüttung von Hormonen. Auch unsere geistige Leistungsfähigkeit unterliegt dem circadianen Rhythmus. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wahrnehmung und Lernen usw. funktionieren während der Nachtstunden deutlich schlechter.

 

Die Müdigkeit oder Schläfrigkeit ist am größten zwischen 0 Uhr und 6 Uhr morgens. Außerdem gibt es ein Mittagstief (ca. 14-16 Uhr). Daher ereignen sich einschlafbedingte Unfälle hauptsächlich in diesen Zeitabschnitten.

 

Weiterhin spielen eventuell vorhandene "Schlafschulden" eine Rolle. Die meisten Erwachsenen benötigen pro 24 Stunden einen sieben- bis neunstündigen erholsamen Schlaf. Wird die erforderliche Schlafdauer und -güte nicht erreicht, baut sich ein Schlafdefizit auf. Es geht mit deutlicher Leistungsverschlechterung einher und kann nur durch Schlaf ausgeglichen werden. Ein Schlafdefizit kann sich übrigens über einen längeren Zeitraum aufbauen. Es kommt also nicht nur auf Quantität und Qualität der letzten Schlafperiode an.

 

Medikamente und Krankheiten: Nicht nur Schlaf- und Beruhigungsmittel, sondern auch Medikamente gegen Depressionen, Psychosen, Ängste, Bluthochdruck und Schmerzen können müde machen.

 

Häufig und stark auftretende Tagesmüdigkeit kann durch krankhafte Schlafstörungen verursacht sein. Dazu zählt z. B. die Schlafapnoe: Die Atmung ist während des Schlafens gestört, der Körper wird unzureichend mit Sauerstoff versorgt.

 

Ferner haben auch situative Bedingungen Auswirkungen auf den Grad der Müdigkeit und das Wohlbefinden. Monotonie verstärkt die Ausgangsmüdigkeit. Auch motivationale Aspekte können wichtig sein. Bei hoher Motivation fühlt man sich vergleichsweise länger wach und frisch.

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Mit starker Müdigkeit ist vor allem dann zu rechnen, wenn man

  • schon lange auf den Beinen ist und angestrengt gearbeitet hat
  • nachts tätig sein muss und monotone Bedingungen bestehen
  • ein Schlafdefizit aufgebaut hat, weil der Schlaf zu kurz und wenig erholsam war (z. B. wegen einer Schlafstörung).

 

Diese Bedingungen verursachen einen hohen Einschlafdruck, die Wachbleib-Fähigkeit sinkt. Es kommt zu Müdigkeitsattacken, zum ungewollten, oft nur wenige Sekunden dauernden Einnicken. Umgangssprachlich wird dieses Phänomen Sekundenschlaf genannt. Er ist gewissermaßen eine Notwehrreaktion des Körpers auf Übermüdung und monotone Tätigkeiten. Die Augen können beim Sekundenschlaf durchaus geöffnet bleiben, bewusstes Wahrnehmen, Handeln und Reagieren sind aber nicht mehr möglich.

 

Es liegt auf der Hand, dass solche Müdigkeitsattacken bei allen Fahr- und Steuertätigkeiten extrem gefährlich sind. Vor allem im Straßenverkehr führen sie zu schweren Unfällen: Ungebremst und ohne jegliche Vermeidungsreaktion prallt der Fahrer auf ein Hindernis.

 

Die Gefahr dieses Einschlafens am Steuer kündigt sich durch eine Reihe von Symptomen an. Dazu zählen z. B. schwere Augenlider, brennende Augen, häufiges Gähnen, leichtes Frösteln, Fahrfehler (z. B. Verschalten), Schwierigkeiten bei der Spurhaltung, erhöhte Reizbarkeit.

 

Ein Verkehrssicherheitsproblem besteht darin, dass diese Symptome von den Betroffenen oft nicht ernst genommen werden. Weit verbreitet ist nämlich die Überzeugung, man könne sich erfolgreich gegen die Müdigkeitsattacken stemmen und noch eine gewisse Zeit durchhalten. Es ist aber nicht möglich, den Zeitpunkt des Einschlafens exakt vorherzusagen. Man wird vom Schlaf überwältigt.

 

In der Prävention kommt es entscheidend darauf an, die Bereitschaft zu stärken, bei zunehmender Müdigkeit die Tätigkeit zu unterbrechen und zur Vermeidung des Sekundenschlafes eine Schlafpause (10-20 Min.) einzulegen (Powernap).

 

Die Berufsgenossenschaften und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat haben ein CBT (Computer Based Training) mit dem Titel "Todmüde? Ohne mich!" entwickelt. Das Programm richtet sich in erster Linie an Personen, die beruflich bedingt in besonderer Weise von der Müdigkeitsproblematik betroffen sind (z. B. Berufskraftfahrer, Schichtarbeiter). Das Ziel des Programms besteht - neben der Vermittlung von Wissen über "Müdigkeit am Steuer" - u. a. darin, geeignete Handlungsstrategien und Handlungsweisen im Umgang mit Müdigkeit zu vermitteln.

 

Eine ganz ähnliche Zielrichtung verfolgt das betriebliche Alertness-Management (Alertness = Wachheit) des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Neben dem Training von Berufskraftfahrern geht es in diesem Programm auch um die Beratung von Tourenplanern und Einsatzleitungen bei der Gestaltung von Schichtplänen, so dass Müdigkeit vorgebeugt werden kann.

 

Dass Präventionsbemühungen zum Umgang mit Müdigkeit auf Seiten der Teilnehmer die erwünschten Wissens- und Verhaltensänderungen bewirken können, wurde kürzlich von Gander u. a. (2005) aufgezeigt.

Literatur

  • Gander, P. H. u. a.: An Evaluation of Driver Training as a Fatigue Countermeasure. In: Transportation Research. Part F 8 (2005) 47-58
  • Langwieder, K. u. a.: Struktur der Unfälle mit Getöteten auf Autobahnen im Freistaat Bayern im Jahr 1991. HUK-Verband, Büro für Kfz-Technik, München 1994
  • ten Thoren, C. und Gundel, A.: Betriebliches Alertnessmanagement. In TÜ Bd. 45 (2004) Nr. 7/8
  • US Department of Transportation Research and Special Programs Administration: Commercial Transportation Operator Fatigue Management Reference, 2003
  • CD-ROM: "Todmüde? Ohne mich!". Das interaktive Programm zum Thema "Müdigkeit im Straßenverkehr", Bonn 2005 (Link)
  • Das Informationsportal zum Thema Schlaf (Link)
  • Das Schlafmagazin - Wege zum gesunden Schlaf (Link)
  • Transport Canada: Fatigue Management Guide for Canadian Pilots, 2005

Quellen

www.arbeit-und-gesundheit.de