Glossar

Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit

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Ergonomie

Für die ergonomische Beurteilung von Arbeitsplätzen bzw. Arbeitssystemen wurden Anfang der 1970er Jahre von Rohmert/Kirchner Bewertungsebenen entwickelt und in Westdeutschland von der Praxis und den Sozialpartnern weitgehend akzeptiert. Auch in der damaligen DDR wurden von Arbeitswissenschaftlern um Hacker, Dresden, ähnliche Bewertungsebenen entwickelt. Die in der Ergonomie wie generell in der Arbeitswissenschaft verankerte Bewertungshierarchie in der ursprünglichen Form umfasst vier Stufen:

 

1. Ausführbarkeit: Ist die Arbeit mit den dafür vorgesehenen Personen ausführbar? Eine Arbeit ist ausführbar, wenn ein Mensch unter Berücksichtigung seiner biologischen Gegebenheiten die Tätigkeit verrichten kann (z. B. Reichweite der Arme, Höhe der ausübbaren Kräfte). Teildisziplinen vorwiegend: Anthropometrie, Psychophysik

 

2. Erträglichkeit: Ist die Arbeit auf Dauer für die dafür vorgesehenen Personen erträglich? Eine Arbeit gilt als erträglich, wenn sie ohne Gefahr einer Beeinträchtigung der Gesundheit regelmäßig, das heißt über die ganze Arbeitsschicht und über ein gesamtes Berufsleben, ausgeübt werden kann. Teildisziplinen vorwiegend: Arbeitsphysiologie, Arbeitsmedizin

 

3. Zumutbarkeit: Sind die Arbeit und die zu erwartenden Arbeitsbedingungen zumutbar? Teildisziplin vorwiegend: Soziologie

 

4. Zufriedenheit: Werden die für die Arbeit vorgesehenen Personen mit der Arbeit und den Arbeitsbedingungen zufrieden sein? Teildisziplinen vorwiegend: Individual-, Sozialpsychologie.

 

In den 1980/1990er Jahren hat sich der Blickwinkel in z. T. mühsamen Prozessen geweitet und frühere Kontroversen zwischen Ingenieur-/Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften sind in den Hintergrund getreten. Ergebnis ist ein erweitertes Bewertungsraster, das die vier bereits etablierten Ebenen breiter definiert und ergänzt um Sozialverträglichkeit und Persönlichkeitsförderlichkeit. Im Bereich der Normung sind diese Kriterien u. a. in die Software-Ergonomie aufgenommen worden (DIN EN ISO 9241).

 

Grundaufgaben einer ergonomischen Arbeits-/Arbeitssystemgestaltung sind:

  • Anpassung der Arbeitsaufgabe und der Arbeitsbedingungen an den Menschen (= Arbeits-/Arbeitssystemgestaltung)
  • Anpassung des Menschen an die Arbeitsaufgaben und die Arbeitsbedingungen (= z. B. Ausbildung, Einarbeitung, Rehabilitation).

 

Ergonomische Arbeitsgestaltung soll Humanität und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen berücksichtigen. Wesentliche ergonomische Gestaltungsbereiche lassen sich wie folgt gliedern, wobei jeweils auch mögliche psychosoziale Belastungsfaktoren zu berücksichtigen sind:

 

Gestaltung des Arbeitsplatzes unter Berücksichtigung von:

  • Körperabmessungen und Geschlecht
  • Körperhaltung
  • Körperkräften
  • Wirkraum des Hand-Arm- und Bein-Fuß-Systems
  • Gesichts- und Blickfeld (Abbildung).

 

Gestaltung von Arbeitsmitteln und Einrichtungen:

  • Auswahl und Formgebung von Hand- bzw. Fußbedien- und Stellteilen
  • Auswahl und Ausführung von Anzeigen, Sichtgeräten und Signaleinrichtungen
  • Auswahl und Einsatz von Arbeitshilfen und Werkzeugen
  • Auswahl und Einsatz geeigneter Arbeitstische und -stühle (Abbildung).

 

Gestaltung der Arbeitsumgebung:

  • Lärm: Minderung der Entstehung und Ausbreitung von Schallwellen
  • Mechanische Schwingungen (Vibrationen): Minderung der Entstehung und Übertragung auf den menschlichen Körper
  • Klima: Abstimmung von Lufttemperatur, -feuchtigkeit, -geschwindigkeit und Wärmestrahlung unter Beachtung von Kleidung und Tätigkeit
  • Beleuchtung: Abstimmung von Licht- und Beleuchtungsstärke, Leuchtdichte, Reflexion und Farbgestaltung
  • Gefahrstoffe: Minimierung von festen, flüssigen und gasförmigen Stoffen, die gesundheitsschädigende oder -beeinträchtigende Wirkung haben können
  • Strahlung: z. B. optische Strahlung und elektromagnetische Felder.

 

Gestaltung der Arbeitszeit:

  • Festlegung der täglichen Arbeitszeit
  • Festlegung der Ruhe- und Erholungspausen (Pausenregime)
  • Auswahl des Schichtsystems
  • Einführung von flexiblen Arbeitszeitsystemen (Gleitzeit usw.).

 

Gestaltung der Arbeitsstrukturierung:

  • Erweiterung der Arbeitsinhalte (Eigenverantwortung), Job-Rotation
  • Arbeitsverteilung und Organisationsformen (Einzelarbeitsplatz, Gruppenarbeit, Telearbeit).

 

Bei der Entwicklung von neuen oder der Veränderung von alten Arbeitssystemen muss die Ergonomie integraler Bestandteil der Gesamtplanung sein. Sonst besteht die Gefahr, dass bei neu eingerichteten Arbeitssystemen bereits aus ergonomischer Notwendigkeit Korrekturen vorgenommen werden müssen (Reparatur-Ergonomie), die in der Regel mit hohen Kosten und Zeitaufwand verbunden sind.

 

Zur Überprüfung der ergonomischen Anforderungen an Arbeitsplätze haben sich in der betrieblichen Praxis ergonomische Prüflisten bewährt, die z. B. der Fachkraft für Arbeitssicherheit, dem Arbeitsmediziner oder dem Arbeitsplaner gestatten, einen Arbeitsplatz hinsichtlich der ergonomischen Gestaltung zu untersuchen, zu beurteilen und ggf. Änderungsmaßnahmen vorzuschlagen.

 

Zunehmend werden auch softwaregestützte Instrumente der Arbeitsgestaltung eingesetzt, die von 3D-Simulationen für Gestaltungsalternativen von Arbeitsplätzen bis hin zu ersten Formen der Virtual Reality zur Arbeitssystemgestaltung reichen.

 

Anbieter von umfangreichen Softwarepaketen für die ergonomische Arbeitsgestaltung haben Expertensysteme entwickelt, die u. a. in der Automobilindustrie eingesetzt werden. Zum Funktionsumfang gehören:

  • 3D-Modellierung des Menschen
  • anthropometrische Variablen
  • Wirbelsäulen- und Handmodelle
  • Gelenke mit gekoppelten Bewegungsräumen
  • Anpassung an Bevölkerungsgruppen
  • Körperhaltungsanalysen
  • Belastungs- und Komfortanalysen
  • Arbeitssequenzmodule, Bekleidungs-, Animationsmodule
  • Kollisionsdetektoren
  • Sichtfelder.

 

Durch eine ergonomisch optimale Gestaltung von Arbeitssystemen, die z. B. vorzeitiger Ermüdung und Konzentrationseinbußen sowie körperlicher Fehlbeanspruchung entgegenwirkt, lässt sich im Allgemeinen auch eine Reduzierung der Unfallgefährdung und des Risikos von arbeitsbedingten Erkrankungen und Berufskrankheiten erreichen.

 

Die Anwendung gesicherter ergonomischer und/oder arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen oder Arbeitssystemen ist in einer Vielzahl von Regelwerken (Gesetze, Verordnungen, UVV) festgeschrieben. Neben den nationalen Regelwerken finden sich zunehmend in den von der Europäischen Union erlassenen Richtlinien Regelungen zur Berücksichtigung von ergonomischen Erkenntnissen bei der Gestaltung von Maschinen und Arbeitsplätzen. Diese Richtlinien werden von den EU-Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt und schaffen dadurch europaweite Mindeststandards.

Literatur

  • Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG)
  • Gesetz über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und andere Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Arbeitssicherheitsgesetz - ASiG) (CHV 1) / (Anlage zu GUV-V A6/7)
  • Gesetz über technische Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte (Geräte- und Produktsicherheitsgesetz - GPSG) (CHV 3)
  • Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstättenverordnung - ArbStättV) (CHV 4)
  • UVV Grundsätze der Prävention (BGV A 1) / (GUV-V A1) / (VSG 1.1 Allgemeine Vorschriften für Sicherheit und Gesundheitsschutz)
  • Grundsätze der Prävention (BGR A 1) / (GUV-R A1)
  • Richtlinie 2006/42/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Mai 2006 über Maschinen und zur Änderung der Richtlinie 95/16/EG (Neufassung)
  • Richtlinie 89/391/EWG des Rates vom 12. Juni 1989 über die Durchführung von Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Arbeitnehmer bei der Arbeit - Arbeitsschutz-Rahmenrichtlinie
  • TRBS 1151 Gefährdungen an der Schnittstelle Mensch-Arbeitsmittel - Ergonomische und menschliche Faktoren
  • DIN 33402 Körpermaße des Menschen (Teile 1-3)
  • DIN 33403 Klima am Arbeitsplatz und in der Arbeitsumgebung
  • DIN 33411 Körperkräfte des Menschen (Teile 1-5)
  • DIN 66234-6 Bildschirmarbeitsplätze; Gestaltung des Arbeitsplatzes
  • DIN 66234-7 Bildschirmarbeitsplätze; Ergonomische Gestaltung des Arbeitsraumes; Beleuchtung und Anordnung
  • DIN EN 13861 Sicherheit von Maschinen - Leitfaden für die Anwendung von Ergonomie-Normen bei der Gestaltung von Maschinen
  • DIN EN 547 Sicherheit von Maschinen; Körpermaße des Menschen (Teile 1-3)
  • DIN EN 894 Sicherheit von Maschinen; Ergonomische Anforderungen an die Gestaltung von Anzeigen und Stellteilen (Teile 1-4)
  • DIN EN ISO 10075-1 Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung - Teil 1: Allgemeines und Grundbegriffe
  • DIN EN ISO 10075-2 Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung - Teil 2: Gestaltungsgrundsätze
  • DIN EN ISO 12100-1 Sicherheit von Maschinen; Grundbegriffe, allgemeine Gestaltungsleitsätze; Grundsätzliche Terminologie, Methodologie
  • DIN EN ISO 12100-2 Sicherheit von Maschinen; Grundbegriffe, allgemeine Gestaltungsleitsätze; Technische Leitsätze
  • DIN EN ISO 6385:2004 Grundsätze der Ergonomie für die Gestaltung von Arbeitssystemen
  • DIN EN ISO 9241 Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten
  • Arbeitssystem Büro - Hilfen für das systematische Planen und Einrichten von Büros (BGI 774)
  • Ergonomische Maschinengestaltung - Checkliste und Auswertungsbogen (BGI 5048-1)
  • Ergonomische Maschinengestaltung - Informationen zur Checkliste (BGI 5048-2)
  • Mensch und Arbeitsplatz (BGI 523)
  • Richtig sitzen in der Schule (GUV-SI 8011)
  • Signale des Körpers - Ergonomie, Heft 16 der Reihe Arbeit und Gesundheit Basics, hrsg. v. der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Universum Verlag, Wiesbaden 2001 (BGI 597-16)
  • Arbeitsgestaltung in Produktion und Verwaltung, hrsg. v. Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (IfaA), Taschenbuch für den Praktiker, Wirtschaftsverlag Bachem, Köln 1989 (Link)
  • Debitz, U./Gruber, H./Richter, G.: Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz - Teil 2: Erkennen, Beurteilen und Verhüten von Fehlbeanspruchungen, Verlag Technik & Information e.K., Bochum 2001
  • Hettinger, T./Wobbe, G. (Hrsg.): Kompendium der Arbeitswissenschaft - Optimierungsmöglichkeiten zur Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation. Kiehl, Ludwigshafen 1993
  • Landau, K./Luczak, H./Laurig, W. (Hrsg.): Software-Werkzeuge zur ergonomischen Arbeitsgestaltung. IfAO Verlag/ REFA-Fachbuchreihe Arbeitsgestaltung, Darmstadt 1997
  • Lange, W./Windel, A. unter Mitarbeit von Kirchner, J.-H./Lazarus, H./Schnauber, H.: Kleine ergonomische Datensammlung. BAuA, 12. überarbeitete Auflage, Verlag TÜV Rheinland, Köln 2008
  • Laurig, W.: Grundzüge der Ergonomie - Erkenntnisse und Prinzipien. 4. Auflage, REFA-Fachbuchreihe Arbeitsgestaltung. Beuth, Berlin/Köln 1992
  • Luczak, H.: Arbeitswissenschaft. Springer, Berlin/Heidelberg 1993
  • Nachreiner, F./Mesenholl, E./Mehl, K.: Arbeitsgestaltung. Fernuniversität-Gesamthochschule Hagen, 1993
  • Richter, P./Hacker, W.: Belastung und Beanspruchung. Streß, Ermüdung und Burnout im Arbeitsleben. Asanger, Heidelberg 1998 (Link)
  • Rüschenschmidt/Reidt/Rentel: Ergonomie im Arbeitsschutz. Ein Mittel zur menschengerechten Gestaltung der Arbeit. Verlag Technik & Information e.k., Bochum 2000
  • Schmidtke, H. u. a.: Ergonomische Prüfung von technischen Komponenten, Umweltfaktoren und Arbeitsaufgaben, Daten und Methoden, Carl Hanser Verlag, München
  • Schmidtke, H.: Ergonomie, Carl Hanser Verlag, München
  • Wenchel, K.: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2001
  • Wieland, K.: Arbeitsgestaltung für behinderte und leistungsgeminderte Mitarbeiter. AS Spezial Band 2. Haufe, Freiburg 1995
  • BGIA-Fachinformationen: Ergonomie - Online-Informationen
  • BG-PRÜFZERT - Datenbank geprüfter und zertifizierter Produkte und Hersteller (Link)
  • Ergonomie bei Bauarbeiten (Link)
  • Fachausschuss Maschinenbau, Fertigungssysteme, Stahlbau; Sachgebiet Betriebslärmbekämpfung - Online-Informationen
  • Fachausschuss Maschinenbau, Fertigungssysteme, Stahlbau; Sachgebiet Vibration - Online-Informationen
  • Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (GFA) (Link)
  • NoRA Normen-Recherche Arbeitsschutz (Link)
  • Sozialnetz Hessen (Link)

Quellen

www.arbeit-und-gesundheit.de