Glossar

Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit

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Beinaheunfall

Es ist unmittelbar einleuchtend, dass Beinaheunfälle Indikatoren für das bestehende Sicherheitsniveau sind. Daher sollten sie unbedingt mit herangezogen werden, wenn das Sicherheitsniveau beurteilt oder die Wirksamkeit von Maßnahmen überprüft werden soll. Es ist nicht empfehlenswert, sich dabei allein auf die Unfallzahlen zu stützen. Denn Unfälle sind vergleichsweise selten und daher als Sicherheitsindices relativ unzuverlässig.

 

Erhebung und Analyse von Beinaheunfällen können wichtige Hinweise auf Schwachstellen und Sicherheitsverbesserungen liefern. Dies geschieht z. B. in der Luftfahrt; Near-misses (die Unterschreitung von Mindestabständen zwischen Flugzeugen) werden erfasst. Es gibt auch Berichtssysteme, in denen Piloten vertraulich kritische Situationen und deren genauere Umstände melden können. In einer Studie zur Müdigkeit bei Lkw-Fahrern wurde kürzlich ein Reporting-System vorgeschlagen, das Fahrern ermöglicht, Vorfälle während einer Tour zu berichten, die mit Müdigkeit in Zusammenhang stehen (ten Thoren und Gundel 2004). Auch im medizinischen Bereich - etwa in einem Krankenhaus - kann die systematische Erhebung und Auswertung von "Beinaheunfällen" helfen, organisatorische Abläufe zu verbessern und Behandlungsfehler unwahrscheinlicher zu machen.

 

Beinaheunfälle und die sie fördernden Bedingungen systematisch in die betriebliche Sicherheitsarbeit einzubeziehen, setzt allerdings mehreres voraus: Zuerst einmal ein komplexeres Verständnis der Unfallentstehung. Einfache, monokausale Unfallentstehungstheorien, in denen das Opfer zum "Täter" gemacht wird und es letztlich nur um das Auffinden eines Schuldigen geht, sind keine tragfähige Basis. Zweite Voraussetzung ist, dass Beinaheunfälle als solche wahrgenommen werden. Dies ist aber oft nicht der Fall (Musahl 1997). Da sie zu keiner Verletzung führen, werden sie häufig nicht als gefährliche Situation erkannt. Dies hat aber weitreichende Konsequenzen: Das sicherheitswidrige Verhalten, das zum Beinaheunfall geführt hat, wird gelernt, weil es in den Augen des Handelnden erfolgreich war (Motto: Schaut her, es klappt doch!).

 

Aufgabe betrieblicher Sicherheitsarbeit ist es daher, Beinaheunfälle zu definieren und die Fähigkeit und Bereitschaft der Belegschaft zu erhöhen, sie als solche zu erkennen. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass in betrieblichen Sicherheitsaktionen Mitarbeiter aufgefordert werden, Gefahrenstellen (z. B. Stolperstellen) und sicherheitswidrige Handlungen zu identifizieren. Sicherheitswettbewerbe und Prämiensysteme sollten nicht ausschließlich Unfallfreiheit im Blick haben. Sie sollten breiter angelegt und anstrengungsorientiert sein. Dies bedeutet, nicht nur Unfallfreiheit zu belohnen, sondern auch die Meldung erkannter und bisher unerkannter Beinaheunfälle, das Auffinden bislang unbeachteter Gefahrenquellen oder gesundheitsschädlicher Zustände sowie die Meldung von Verbesserungsvorschlägen. Nach vorliegenden Erfahrungsberichten (z. B. Craney u. a. 2005) lässt sich die Sicherheitsarbeit dadurch wesentlich verbessern.

Literatur

  • Craney, S., Hinrichs, S., Schwennen, C., Musahl, H. P.: Durchführung und Ergebnisse eines anstrengungsorientierten Sicherheitswettbewerbs. In: L. Packebusch, B. Weber & S. Laumen. Psychologie der Arbeitssicherheit und Gesundheit, Prävention und Nachhaltigkeit (S. 245-248). Asanger, Heidelberg 2005
  • Musahl, H.-P.: Gefahrenkognition. Theoretische Annäherungen, empirische Befunde und Anwendungsbezüge zur subjektiven Gefahrenkenntnis. Asanger, Heidelberg 1997
  • ten Thoren, C. und Gundel, A.: Betriebliches Alertnessmanagement. In TÜ Bd. 45 (2004) Nr. 7/8

Quellen

www.arbeit-und-gesundheit.de