Glossar

Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit

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Anforderungs-Kontroll-Modell

Die Grundidee besteht darin, arbeitsbedingte Beanspruchung aus der Kombination zweier Dimensionen von Arbeitsinhalten abzuleiten: der Dimension der Menge und Beschaffenheit von Anforderungen an den Beschäftigten (job demand: z. B. Arbeitsschwere, Arbeitsgeschwindigkeit, übermäßige Arbeit) und der Dimension der Kontrollierbarkeit der Arbeitsaufgabe (control: z. B. Entscheidungsfreiheit, Wahlmöglichkeit der Tätigkeitsausführung, Weiterentwicklung der Fähigkeiten).

 

Mit geringer Kontrolle über Arbeitsinhalte und -prozesse gehen zwei psychologisch folgenreiche Erfahrungen einher: Die Erfahrung geringen Entscheidungsspielraums, damit verbunden geringer Autonomie der arbeitenden Person, und die Erfahrung mangelnder bzw. einseitiger Nutzung der persönlichen Fähigkeiten.

 

Bezüglich der Entstehung von Stress sind nach dem Modell Arbeitsplätze bedeutsam, die zugleich quantitativ hohe Anforderungen stellen und dabei einen geringen Entscheidungsspielraum gewähren (high strain job). Das heißt umgekehrt, unter der Bedingung erweiterter Handlungs- oder Entscheidungsspielräume führen herausfordernde, schwierige Anforderungen nicht in dem Maße zu negativen Befindens- und Gesundheitsauswirkungen wie unter den Bedingungen eingeengter Spielräume. Kompensation ist möglich (Siegrist, 1996; Richter/Hacker, 1998). Neue Anforderungen, die neue Lernmöglichkeiten bieten, können unter hohen Kontrollmöglichkeiten aktiv erfolgsgesteuert bearbeitet werden (active job). Aktives Lernen wird ermöglicht. Damit können über lerntheoretische Zusammenhänge Spannungen reduziert werden. Insgesamt wirkt der dargestellte Zusammenhang nach Ansicht der Autoren zudem noch motivationsfördernd und leistungssteigernd.

 

Eine große Zahl von Arbeitsplätzen ist heute bestimmt durch quantitativ hohe psychomentale Anforderungen bei gleichzeitig geringer Kontrolle über die Arbeitsaufgabe und deren Ergebnis. Je niedriger die berufliche Position, desto häufiger ist diese kritische Kombination zu erwarten, wie beispielsweise bei der klassischen Fließbandarbeit, aber auch bei bestimmten statusniedrigen Dienstleistungstätigkeiten.

 

In Untersuchungen zum Anforderungs-Kontroll-Modell zeigte Karasek, dass steigende Arbeitsanforderungen bei abnehmendem Tätigkeitsspielraum Beeinträchtigungen des Wohlbefindens zur Folge haben und der Medikamentenverbrauch und die Arbeitsunfähigkeitsdauer zunehmen. Bei ausreichendem Tätigkeitsspielraum zeigen sich diese Wirkungen nicht. Karasek stellte zudem dar, dass Fettstoffwechselstörungen und Herzinfarktrisiken bei Gewährleistung von Tätigkeitsspielräumen signifikant seltener auftreten und psychosomatische Beschwerden begrenzt bleiben. Der Einfluss erlebter erweiterter Tätigkeitsspielräume auf Beanspruchung und psychische Gesundheit wurde nachgewiesen. Bei der Untersuchung von Krankenschwestertätigkeiten zeigten Büssing und Glaser (1991), dass erweiterte Tätigkeitsspielräume mit erhöhter Arbeitszufriedenheit, geringerer emotionaler Erschöpfung und verminderten Beschwerden zusammenhängen. Eine EU-Umfrage ergab, dass 68 Prozent der Arbeitnehmer über Zeitdruck als Stress und 79 Prozent über Rückenbeschwerden bzw. Muskelschmerzen klagen. Deren primäre Ursachen liegen nicht bei ergonomischen Gestaltungsmängeln, sondern sind vielmehr bei einem erlebten Verlust von Autonomie im Arbeitsprozess zu suchen (Hacker, 1998).

 

Das zweidimensionale Modell ist vor einiger Zeit um eine dritte Dimension erweitert worden, diejenige der sozialen Unterstützung am Arbeitsplatz. Fehlt neben der Kontrollierbarkeit der soziale Rückhalt am Arbeitsplatz, so ist mit zusätzlich verstärkten Stressreaktionen zu rechnen. Die Kombination von hohem job strain und geringer sozialer Unterstützung bezeichneten Johnson und Hall (1988) als "isolated high strain". Untersuchungen zu Folge senkte eine hohe Ausprägung des Merkmals "soziale Unterstützung" die Wahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre Erkrankungen im Alter (Theorell, 1996).

Literatur

  • Büssing, A./Glaser, J.: Zusammenhänge zwischen Tätigkeitsspielräumen und Persönlichkeitsförderung in der Arbeitstätigkeit. In: Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 35, 1991, S. 122-136
  • Johnson, J. V./Hall, E. M.: Job Strain, Work Place Social Support, and Cardiovascular Disease: A Cross-Sectional Study of a Random Sample of the Swedish Working Population. In: American Journal of Public Health, Oct. 1988, 78, S. 1336 - 1342 (Link)
  • Karasek, R. A./Theorell, T.: Healthy work. Basic Books, New York 1990 (Link)
  • Richter, P./Hacker, W.: Belastung und Beanspruchung. Streß, Ermüdung und Burnout im Arbeitsleben. Asanger, Heidelberg 1998 (Link)
  • Siegrist, J.: Soziale Krisen und Gesundheit. Hogrefe, Göttingen 1996 (Link)
  • Theorell, T.: Flexibility at Work in Relation to Employee Health. In: Handbook of Work and Health Psychology, S. 147-160, Wiley, Chicester 1996 (Link)

Quellen

www.arbeit-und-gesundheit.de