Glossar

Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit

Das kostenlose Glossar zum Thema Arbeitsschutz. Finden Sie über 400 Begriffsklärungen und mehr als 1.200 Schlagwörter zu den Themen Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin, Betriebsanweisung, Betriebsarzt, Brandschutz, Gefährdungsbeurteilung, Gesundheitsförderung und vieles mehr.

Aids

Das Genom (Genomanalysen) der HI-Viren besteht aus RNS, die nach Eindringen in die menschliche Zelle durch ein Enzym, die Retrotranskriptase, in DNS umgewandelt wird. Da es sich bei der Umwandlung von RNS in DNS um eine Umkehrung des normalen Ablaufs handelt, werden Viren dieser Art als Retroviren bezeichnet (retro = umgekehrt). Die auf diese Weise gebildete Virus-DNS wird in die DNS der Zelle eingebaut und gehört damit zum zellulären Genom der Wirtszelle. Der Körper ist nicht in der Lage, die Virus-DNS von der eigenen DNS zu unterscheiden, sondern er selbst führt nun die Produktion neuer Viren aus.

 

Bei der Replikation (Vermehrung) des HI-Virus treten häufig Mutationen (Änderungen des genetischen Codes) auf. Dies hat zur Folge, dass viele verschiedene HIV-Typen (Quasispezies) entstehen. Die Bildung spezifischer Antikörper kann mit der raschen Änderung der Antigenstrukturen nicht Schritt halten. Ebenso ist die Vorbeugung durch Impfungen bisher am Mutationsproblem gescheitert.

 

Anfangs ist das HI-Virus latent im Körper vorhanden, und in dieser Frühphase kann man eine Ansteckung nur mit speziellen Tests aufdecken. Im Verlauf von einigen Wochen bis Monaten werden dann Antikörper gebildet (Serokonversion), die sich laborchemisch mit entsprechenden Tests (ELISA-Suchtest, Western-Blot-Bestätigungstest) nachweisen lassen. Mit neueren Methoden lässt sich das HIV-Genom als Virus-RNS oder -DNS nachweisen, so dass die Diagnose mit größerer Sicherheit und auch schon zu einem früheren Zeitpunkt gestellt werden kann.

 

Während der Serokonversion kommt es in der Regel für einige Tage bis Wochen zu einem akuten fieberhaften Krankheitsbild mit sehr unterschiedlichen Symptomen wie Müdigkeit, Hautausschlag, Kopfschmerzen, Verwirrungszuständen, leichter Leberentzündung usw. Danach bleibt die HIV-Infektion erst einmal für lange Zeit im Verborgenen (Latenzphase). Für den Infizierten deutet subjektiv zunächst nichts auf eine Ansteckung hin, er wird jedoch zunehmend infektiös. Nur bei einem Teil der HIV-Positiven lassen sich vergrößerte Lymphknoten feststellen. Da dies nicht mit Schmerzen verbunden ist, wird es meist nicht bemerkt.

 

Der Zeitraum zwischen Ansteckung und deutlichen körperlichen Symptomen beträgt durchschnittlich sechs bis zehn Jahre. Dies ist auch davon abhängig, auf welchem Wege die Ansteckung erfolgt ist und wie kräftig die Konstitution des Infizierten ist.

 

Das HI-Virus befällt vornehmlich die Zellen der Immunabwehr, vor allem die CD4-Lymphozyten (T4-Lymphozyten, Helferzellen). Fast alle Krankheitserscheinungen lassen sich im Wesentlichen durch die fortschreitende Beeinträchtigung der Immunabwehr erklären. Obwohl der Betroffene anfangs nichts spürt, wird das Immunsystem während der Latenzphase zunehmend zerstört. Die Zahl der Helferzellen nimmt ab und es stellen sich verschiedene Infektionen wie Gürtelrose (Herpes Zoster), Herpes simplex, Mundsoor (Pilzerkrankung der Mundschleimhaut) oder auch unspezifische Symptome wie Durchfall, Gewichtsverlust und Fieber ein. Die Patienten fühlen sich schlapp und allgemein leistungsgemindert. Ein weiteres Problem der unzureichenden Immunantwort ist die Begünstigung von bösartigen Tumoren.

 

Durch weiteres Absinken der Helferzellen kommt es schließlich nach weiteren etwa zwei bis drei Jahren zum Vollbild der Aids-Erkrankung. Erreger, die bei gesunden Menschen normalerweise durch eigene Abwehrkräfte oder zumindest durch Unterstützung mit Medikamenten gebannt werden können, führen bei Aids-Kranken zu schweren Infektionen (so genannten opportunistischen Infektionen) und haben oft tödliche Folgen. Am häufigsten handelt es sich um Lungenentzündung, Tuberkulose, Infektionen durch Salmonellen oder Zytomegalie-Viren. Es kann auch zu einem direkten Befall des Zentralnervensystems mit aufsteigenden Lähmungen kommen.

 

Übertragung:

 

Die HIV-Infektion wird durch Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma oder Vaginalsekret übertragen. Typische Infektionswege sind die Übertragung auf sexuellem Wege, die Benutzung von infizierten Injektionsnadeln und die Übertragung im Mutterleib. Auf Grund strenger Kontrollen spielen Neuinfektionen durch Transfusionen von Blut bzw. Blutprodukten heute keine Rolle mehr.

 

Die Risikogruppe mit der höchsten HIV/Aids-Gefährdung stellen in Deutschland nach wie vor Homosexuelle (63 %) (Quelle: Robert Koch Institut). Danach folgen Drogenkonsumenten, Personen aus Herkunftsländern mit hoher Prävalenz und heterosexuell Infizierte mit jeweils rund 12 %. Die Übertragung Mutter-Kind ist für < 1 % der HIV-Infektionen die Ursache. In den Entwicklungsländern steht der heterosexuelle Übertragungsweg mit 70 % an der Spitze.

 

Im Vergleich zu anderen Erregern (z. B. Hepatitis-B-Virus) ist das HI-Virus deutlich weniger infektiös. Das höchste Übertragungsrisiko besteht bei direkter Blutübertragung von HIV-infiziertem Blut (> 90 %), bei maternofetaler Übertragung liegt es bei 20 %, beim Geschlechtsverkehr je nach Population zwischen 0,5 und 10 %, bei einer einmaligen Stichverletzung mit einer infizierten Kanüle bei rund 0,4 %. Auch in Speichel und Tränen sind HI-Viren enthalten, eine Infektion hierdurch ist jedoch äußerst unwahrscheinlich.

 

Aids im Beruf:

 

Für die HIV-Infizierten und die Aids-Kranken stellt die Ausgrenzung durch die Gesellschaft ein großes Problem dar. Gerade den Patienten, die sich in der Latenzphase befinden bzw. erfolgreich behandelt werden und die aller Voraussicht nach noch Jahre unbeeinträchtigt leistungsfähig sind, wird das Bekennen ihrer Infektion meist durch die Angst um den Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zumindest rechnen sie fest damit, dass sie am Arbeitsplatz isoliert und schließlich aus dem Betrieb gedrängt werden.

 

Die Angst vor einer HIV-Infektion durch Arbeitskollegen ist jedoch in der Regel unbegründet, da es bei normalem mitmenschlichem Kontakt nicht zu einer HIV-Infektion kommen kann. Eine Übertragung über die intakte Haut kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Eine HIV-Infektion stellt also im Normalfall keinen Grund für Kündigung oder Berufsverbot dar. Eine Ausnahme stellen ärztliche Berufe aus dem operativen Bereich dar, bei denen es durch eigene Verletzungen zu Gefährdungen der Patienten kommen kann.

 

Andererseits besteht bei medizinischem Personal berufsbedingt ein erhöhtes Risiko einer HIV-Infektion durch infizierte Patienten. Als bedeutsame Übertragungswege kommen Stich- und Schnittverletzungen mit HIV-verunreinigten Instrumenten und Übertragung von HIV-infiziertem Blut auf verletzte bzw. geschädigte Haut oder auf Schleimhäute in Frage. Falls eine Verletzung stattgefunden hat, sollten bei Verdacht auf ein HIV-Infektionsrisiko ohne Verzug prophylaktische Maßnahmen ergriffen werden, um das Angehen der Infektion zu verhindern. Die Eintrittspforte der Erreger ist sofort zu desinfizieren. Stich-/Schnittverletzungen sollte man vorher durch Druck auf das umliegende Gewebe ausbluten lassen. Dann sollte binnen zwei Stunden eine antiretrovirale Therapie eingeleitet werden. In der Regel lassen sich durch Einhaltung der Hygienevorschriften (Hygiene), wie sie z. B. zum Schutze vor Hepatitis-B-Infektionen aufgestellt wurden, HIV-Infektionen beim medizinischen Personal weitgehend vermeiden.

 

Therapie:

 

Seit Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART), die eine Kombination von verschiedenen Medikamenten darstellt, hat sich hauptsächlich in den Industrieländern der Krankheitsverlauf der HIV-Patienten erheblich gebessert, da die Virusvermehrung gebremst und demzufolge der Ausbruch der Aids-Erkrankung verzögert werden können. Für den Patienten ist die medikamentöse Therapie eine Belastung, die häufig dazu führt, dass die Einnahmevorschriften nicht eingehalten werden oder in Entwicklungsländern gar nicht eingehalten werden können. Auf dem afrikanischen Kontinent erhalten nur rund 0,1 % der Infizierten eine antiretrovirale Therapie.

 

Verbreitung:

 

Eine Stabilisierung der HIV-Neuinfektionsrate zeichnet sich vor allem in den Industrieländern ab. Präventive Maßnahmen wie Gebrauch von Kondomen, Methadon-Substitution, strengere Kontrolle von Blutspendern lassen deutliche Erfolge verzeichnen. Seit Beginn der HIV-Epidemie haben sich in Deutschland insgesamt etwa 75.000 Menschen infiziert, davon sind rund 26.000 verstorben. Zurzeit leben etwa 49.000 HIV-Infizierte in Deutschland. Etwa 80 % der Infizierten sind Männer, 19 % Frauen, < 1 % Kinder. Die Neuinfektionsrate liegt bei 2.600 pro Jahr. Bei rund 8.000 Personen ist das Vollbild der Aids-Erkrankung ausgebrochen. Pro Jahr kommen etwa 850 Aids-Kranke hinzu, etwa 750 sterben.

 

Im Vergleich zu den Teilerfolgen in den Industrienationen ist die Aids-Statistik der Weltbevölkerung erschreckend. UNAIDS (UN-Hilfsorganisation zur Bekämpfung von Aids) schätzt, dass derzeit weltweit etwa 40,3 Mio. Menschen mit dem HI-Virus infiziert sind (20,5 Mio. Männer, 17,5 Mio. Frauen, 2,3 Mio. Kinder unter 15 Jahren). Im Jahr 2005 sind über 3,1 Mio. Menschen an Aids gestorben, die Zahl der Neuinfektionen wird 2005 mit 4,9 Mio. angegeben. Die explosionsartige Ausbreitung von Aids in einigen Ländern Afrikas, Asiens und neuerdings auch in Osteuropa in Kombination mit unzulänglichen Präventionsmaßnahmen und mangelnden Ressourcen zur Finanzierung medizinischer Behandlung lässt in naher Zukunft eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes erwarten.

Literatur

  • Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz - IfSG)
  • Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege (auch als TRBA 250) (BGR 250)
  • AIDS, Merkblatt für Versicherte im Gesundheitsdienst, im Rettungs- und Sanitätsdienst (GUV 28.14)
  • Bengel, J./Leisz, G./Röhr, B.: Psychosoziale Belastungen durch Angst vor HIV-Infektionen bei medizinischem Personal. In: Arbeitsmedizin - Sozialmedizin - Präventivmedizin 27, 1992, S. 14-17
  • Hirschel, B.: AIDS, Hans Huber Verlag, Bern 1995
  • Robert Koch Institut (Link)
  • UNAIDS - Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (Link)

Quellen

www.arbeit-und-gesundheit.de