Wie verändert sich die Arbeitswelt nach Corona?

Die Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Ein Fraunhofer-Wissenschaftler erklärt, wohin die Reise für Unternehmen gehen kann und was bleiben wird.

Professor Wilhelm Bauer ist geschäftsführender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, stellvertretender Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart und Technologiebeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Im Interview beantwortet er die Fragen von Morgen.

Welche Trends werden die Arbeitswelt bestimmen?

Prof. Wilhelm Bauer: Wir erleben gerade eine sehr spannende Zeit mit Blick auf die Arbeitswelt der Zukunft. Denn das „Brennglas Corona“ hat sehr deutlich gezeigt, wohin die Reise wohl gehen wird: mehr flexibles Arbeiten, mehr virtuell und online, weniger Dienstreisen, vor allem viel mehr digital. Jetzt, da die ersten Corona-Impfstoffe zugelassen werden, gibt es eine reale Aussicht auf eine Normalisierung unseres sozialen Miteinanders. Gleichzeitig hat die Pandemie in den Unternehmen und Verwaltungen zu vielen Umbrüchen geführt. Wir erleben eine nie gesehene Innovationsdynamik: Arbeitsprozesse, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle werden neu erfunden.

Die Gestaltungsfelder sind immens: Virtualisierung, Robotik, Lernende Systeme und Künstliche Intelligenz führen dazu, dass Arbeitsstände und Unternehmensprozesse zukünftig in Echtzeit abbildbar, transparent, weitestgehend automatisierbar und in bislang nicht gekannter Geschwindigkeit durchführbar sein werden. Mensch und Technik werden viel allgegenwärtiger interagieren und die Art und Weise, wie wir arbeiten, substanziell verändern.

Durch den Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz werden technische Systeme immer cleverer. Sie können Entscheidungen selbst treffen und zunehmend autonom arbeiten. Moderne Techniken machen diese Funktionen auch für global verteilte Teams verfügbar.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung? Welche Risiken und welche Vorteile hat die Entwicklung insgesamt für Wirtschaft und Gesellschaft?

Prof. Bauer: Mehr denn je wird deutlich, dass die Digitalisierung künftig entscheidend für resilientere Formen von Wertschöpfung und Arbeit ist. Ich bin aber auch überzeugt, dass viele während der Pandemie gestärkten Dinge bleiben werden: Offenheit, Kooperationsbereitschaft und neue Arbeitsformen. Der Digitalisierungsschub wird nachhaltig wirken und die Wettbewerbsfähigkeit innovativer Unternehmen massiv stärken, durch bessere Prozesse, schnellere und viel mehr Interaktion mit Kunden, weniger Medienbrüchen, keine Daten- und Papiersilos mehr, also eine viel höhere Produktivität. Und wir sehen auch positive Effekte mit Blick auf den Klimawandel, durch weniger Dienstreisen und weniger Verkehr, durch mehr Homeoffice und weniger Büroflächenbedarfe.

Die größten Risiken der Digitalisierung sind sicherlich, sie zu verschlafen, das ist eine kleine Sorge, die wir in Deutschland durchaus ernst nehmen müssen. Es ist schon bedenklich, wenn wir Datenschutz gar überinterpretieren, ich erinnere nur an die Debatten über Corona-Apps und den digitalen Impfpass.

Aber natürlich müssen wir auch aufpassen, dass wir nicht naiv digitalisieren, dass wir die Menschen nicht abhängen. Digitale Systeme müssen von Ihrer Usability so gebaut sein, dass sie intuitiv verstanden werden können, von Jung und Alt, von allen Nutzergruppen. Uns sie müssen unseren hohen ethischen Standards entsprechen. Ich möchte, dass KI-Systeme in Europa programmiert und gebaut werden, denn dann entsprechen sie am ehesten unseren Vorstellungen, wirtschaftlich, ökologisch, bare auch sozial und ethisch.

 

Verliert der Mensch in der digitalisierten Welt an Bedeutung?

Prof. Bauer: Nein, das denke ich nicht. Menschen und Maschinen müssen in einer guten Arbeitsteilung zusammenarbeiten, nur dann kommen höchste Wertschöpfungsqualitäten zustande. Und Menschen bauen die digitalisierten Systeme und dafür braucht es beste Qualifikationen, natürlich ganz viel in den MINT-Berufen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Deren Verfügbarkeit ist der Schlüssel zum zukünftigen Erfolg.

Welche Herausforderungen kommen auf die Beschäftigten zu?

Prof. Bauer: Das Wichtigste ist sicherlich eine grundsätzliche Offenheit dem Neuen gegenüber: Computern, Apps, Robotern, Plattformen, Social Media. Menschen müssen den Mut haben, sich immer wieder auf Neues einzulassen, ständig zu lernen, auszuprobieren, trial-and-error zu nutzen, um Neues zu erkunden. Und sie müssen sich auch noch besser selbstorganisieren, Achtsamkeit aufbauen für sich selbst, für andere, für Kolleginnen und Kollegen. Denn Digitalisierung heißt oft auch Entgrenzung, bedeutet manchmal auch etwas Fremdsteuerung von Maschinen oder Programmen, das kann leicht zu Stress oder auch Überlastung führen.

Inwieweit verändert die aktuelle Homeoffice-Situation die Arbeitswelt?

Prof. Bauer: Das Homeoffice ist Chance und Risiko zugleich. Die große Chance ist, Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch besser zusammenzubringen, weniger Zeit im Verkehr zu verbringen, einfach ökologischer zu arbeiten. Andererseits drohen Kontaktarmut, Vereinsamung und weniger hochwertige Kommunikation. Man muss also die richtige Mischung finden, einerseits abhängig von der Arbeitsinhalten, von den Bedarfen der Teams, andererseits von persönlichen Präferenzen, der eigenen Lebenssituation. Ich denke, wir werden zukünftig im Durchschnitt ein regelmäßiges Arbeiten von zwei bis drei Tagen in der Woche von zuhause erleben.

 

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